Arabischer Frühling, ukrainische Hunde und neuerdings Kony. Fast täglich werden wir von neuer Relevanz bombardiert, dass wir uns kaum noch des Eindrucks erwehren können: Mit der Welt stimmt etwas nicht. Manche reden gar den Weltuntergang herbei. Weltuntergang? Oh nein, der wird nicht stattfinden – den Gefallen wird uns die Welt nicht tun. Und bevor jemand Maya-Kalender ruft: Dieser besteht aus mehreren Ringen, die sich immer weiter drehen. Der hat gar kein Ende. Wenn dieses Jahr am 23. Dezember oder so diese ominöse Konstellation entsteht, passiert gar nix, im Grunde ist das wie ein Maya-Silvester, es geht einfach stumpf weiter. Hört also auf, euch dieses Deo zu kaufen.
Mir kam die Idee zu diesem Eintrag, als ich gestern einen kritischen Artikel über diese Kony-Aktion las. Eine undurchsichtige Organisation namens „Invisible Children“ macht mit einem YouTube-Film auf den ugandischen Rebellenführer Joseph Kony aufmerksam. Wohl in einer reißerischen, emotional aufgeladenen und manipulativen Art und Weise. Nun habe ich zufällig vor einigen Jahren eine exzellente, beeindruckende Dokumentation über die Kindersoldaten von Kony gesehen. Phoenix oder Arte. Jedenfalls erzählten einige ehemalige Kindersoldaten, die befreit werden konnten, über ihre Zeit in Konys Armeen. Da ich wie jeder moderne Mensch ziemlich abgestumpft bin, bin ich nicht ganz so leicht zu erschüttern. Aber diese Dokumentation hat mich schockiert.
Der Unterschied zwischen einer einstündigen Arte-Dokumentation und einem halbstündigen Werbeclip (wenn auch für eine im Kern gute Sache): Der Dokumentarfilm analysiert die Hintergründe der unzähligen Konflikte in der Region, für die wie so häufig die europäischen Kolonialmächte maßgeblich mitverantwortlich sind. Der Clip dagegen stellt dramaturgisch das Werbeziel heraus, arbeitet mit allen Mitteln darauf hin und gaukelt dem Zuschauer eine Doku vor. Und ungefähr so arbeitet jedes kleine Mosaik an Webrelevanz, das über unsere Facebook-Pinnwände huscht. All diese Themen sind wichtig, aber jeder von uns ist nur eine einzige Person. Wir können uns nicht um alles kümmern, und das müssen wir auch nicht.
Wieso nicht? Nun, weil wir es nicht vertragen würden. Die Welt ist nicht schlechter geworden (Inquisition, Holocaust, Kreuzzüge), sondern einfach nur lauter. Alles, was Krach macht, landet irgendwann in unserem Kopf. Dafür sorgen Internetseiten, Fernsehsender, Zeitschriften. Vor tausend Jahren lebten die Menschen in ihren Dörfern und starben mit 30 an einer Lungenentzündung. Die hatten ganz andere Probleme als sich um Menschenrechtsverletzungen in China zu scheren. Niemand kann sagen, wie man letztendlich mit der Flut an Meldungen und Nachrichten umgehen soll. Ich für meinen Teil versuche zu sortieren:
1. Der beeinflussbare Teil.
Ich versuche, meinem Umfeld freundlich zu begegnen. Ich sorge mich um meine Familie und engagiere mich ab und zu sozial, wenn ich gerade von Skyrim loskomme.
2. Der relevante Teil.
Durch Kleinigkeiten beeinflusse ich die Gesellschaft, in der ich lebe. Ich blogge beispielsweise, trete im Freundes- und Bekanntenkreis für gewisse Ansichten ein und wenn ich eine Tasche auf der Straße finde, gebe ich sie bei der Polizei oder im Fundbüro ab. Aber auch politisches Engagement gehört in diese Kategorie.
3. Der interessante Teil.
Ich wohne in Hamburg, also lese ich automatisch die meisten Meldungen aus Hamburg und der Umgebung. Da ich aus dem Ruhrpott stamme, verfolge ich natürlich auch Nachrichten aus meiner Heimat. Meine Eltern stammen aus Japan, also interessiere ich mich auch für Ereignisse, die dort stattfinden. Und so weiter.
4. Der Wahrnehmungsbereich.
Weltgeschehen. Außerdem noch Themen, die mich besonders bewegen. Beispielsweise Politik, Ernährung, Reisen. Ich schnappe Fragmente auf, schaue Dokus, lese ab und an einen Artikel, hänge aber nichts davon an die große Glocke.
5. Der Rest.
Das Grundrauschen, das für andere Menschen durchaus zu den ersten drei oder vier Kategorien gehören kann. Hier sortiere ich sogar manchmal Themen ein, die moralisch gesehen nach oben gehören. Aber wie ich schon schrieb, niemand kann sich um alles kümmern. Mir würde irgendwann der Kopf platzen.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er verträgt. Ich vertrage zwar einiges, weiß aber genau, dass ich nur einen gewissen Teil beeinflussen kann. Ich kann und werde nicht gegen ACTA, Assad, Atomausstieg auf die Straße gehen. Und bin deshalb kein schlechterer Mensch als die, die es tun. Noch ein Satz zu Facebook: Anstatt sich täglich ein neues Thema zu suchen, sollte man sich auf einige konzentrieren und konsequent bleiben. Denn einen Brand löscht man nicht mit einem kurzen Schuss Wasser.