»Scheiß Fußball!«

Neben all den echten und saisonalen Fußballfans höre ich von einigen, durch Vuvuzelas und grölenden Zeitgenossen arg genervten Mitmenschen Unmutsäußerungen gegenüber der Sportart Nummer eins weltweit. Diese Menschen können weder mit aktivem noch mit passivem Fußballspiel etwas anfangen, ganz im Gegenteil. Sie verstehen nicht, wieso allwöchentlich Zehntausende von scheinbar völlig normalen Mitmenschen in die Stadien rennen, um schließlich völlig anormal durchzudrehen. Entspannte Bankangestellte grölen Hassparolen Richtung Gästeblock, das zarte Weib mutiert zu einer Furie, die den Unparteiischen mit dem Tode bedroht und dessen Mutter aufs Übelste beschimpft. Ja, wie kann so etwas gut sein?

Zurzeit findet die WM in Südafrika statt, und obwohl FIFA-Präsident Joseph Blatter (genannt »Sepp«, für viele aber eher ein Depp) alles dafür tut, die Stimmung zu killen, tanzen und feiern die Fans aus aller Welt friedlich zusammen. Genauso war es ja schon vor vier Jahren in Deutschland, als die Fans – abgesehen von ein paar ganz speziellen Idioten aus England, Polen und Deutschland – eine derart positive Stimmung verbreiteten, wie es sie in Deutschland noch nie gegeben hat. Als Deutscher mag einem der Unterschied nicht so gravierend vorgekommen sein, besonders nicht, wenn man jetzt gerade in den Stimmbruch kommt, aber als Japaner, aufgewachsen in einem doch eher stocksteifen Land, sind sie nicht zu übersehen.

Überall auf der Welt wird Fußball gespielt, und dieses Spiel kann immer gespielt werden, egal gegen wen und wo. Also so gut wie, klar. Man braucht keine spezielle Ausrüstung, keinen Schläger, keine Degen und keine Körbe. Eine Dose, ein Kohlkopf, ja sogar ein Handtuch würde reichen, und man hätte alles für eine kleine Bolzpartie. Wenn so ein Idiot wie Blatter ankommt und sagt, der Fußball verbinde Völker, dann meint er das im kapitalistischen Kontext: Mit dem Fußball lässt sich exzellentes Geld verdienen, und zwar überall auf der Welt. Ich aber benutze diesen Satz, um darauf hinzuweisen, dass ich mich richtig wohl gefühlt habe, als die WM in Deutschland stattgefunden hat. Der latente Alltagsrassismus schien für eine Zeitlang aus den Köpfen verdrängt, plötzlich lagen sich Deutsche und Afrikaner in den Armen, man konnte auf einmal eine gute Zeit zusammen haben.

So ist der Fußball auch eine Möglichkeit, gegen Rassismus einzutreten. Machen wir uns nichts vor: Der deutsche Nazi an sich hätte ohne die Existenz der Polizei keine Chance, sich groß zu entfalten. Wagt er sich aus einem naziverseuchten Dorf irgendwo im Nichts in die bunte Welt der Zivilisation, warten gleich mehrere Tausend linke Freunde auf sie, um sie gleich wieder ins naziverseuchte Dorf zurückzuschicken, und zwar in Einzelteilen. Aber der Rassismus, dem wir Ausländer uns tagtäglich in unterschiedlichsten Situationen stellen müssen, muss weiter Schritt für Schritt bekämpft werden. Nicht mit Zwang, nicht mit bis zur Regungslosigkeit versteiften, erhobenem Zeigefinger wie der Zentralrat der Juden in Deutschland, sondern mit Freude und Vernunft, mit dem selbstverständlichen Aufzeigen der Vorteile und des Schönen, die die Vielfalt mit sich bringt.

Vor wenigen Tagen las ich unter einem Artikel über Mesut Özil den Kommentar eines wirklich verachtenswert dummen Menschen, dem ich hiermit wochenlangen Durchfall wünsche. Der behauptete nämlich, Mesut Özil wäre kein Deutscher. Einfach so. Nun ja, zunächst einmal hätte mich wirklich brennend interessiert, wo unser tapferer Germane denn so herstammt, wenn er sich in der Lage sieht, Mesut Özil als undeutsch zu bezeichnen. Özil ist wie ich in Gelsenkirchen geboren, dort aufgewachsen, besitzt einen deutschen Pass und hat nie im Ausland gelebt. Und dann kommt da so eine Witzfigur daher und pöbelt herum. Wenn Deutschland Weltmeister würde, wäre er doch der Erste, der sich in seinen Opel klemmt und über den Ring gurkt. So ein Vollidiot. Aber so lebt es sich als Kanake in Deutschland, das ist die Realität. Sogar jemand wie ich, der über wesentlich höhere sprachliche Fähigkeiten verfügt als Mesut Özil und andere Deutsche, muss sich in der U-Bahn von minderwertigem Abschaum rassistisch beleidigen lassen.

Wenn die Welt also ein bisschen mehr wie die Fußballfans einer WM und ein bisschen weniger wie die ewig genervten Meckerer wäre, sähe sie gleich viel rosiger und wesentlich lebenswerter aus. Fußball ist nicht scheiße, Fußball ist großartig!

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