Frei nach Richard David Precht, sozusagen, habe ich es mir einmal erlaubt, eine recht verbreitete Frage umzuformulieren. Viele Menschen, vielleicht auch Sie, stellen sich eben die Frage: Wem soll ich mein Spendengeld anvertrauen? Bringt spenden überhaupt etwas? Auch ich habe mir diese Fragen gestellt, und sie sind leider nicht eindeutig zu beantworten.
Zunächst einmal widme ich mich der Frage, ob man überhaupt spenden sollte. Seien wir mal ehrlich, viele von uns leben im Überfluss. Im Restaurant bestellen wir mehr als wir essen können, wir kaufen Klamotten, weil wir »das in der Farbe noch nicht haben«. Wir nehmen uns ein Taxi, um zehn Minuten Zeit zu sparen und werfen Pfandflaschen in den Müll. Nicht jeder macht alles, aber fast alle machen vieles davon. Klar verdiene ich mir mein Geld mit meinen eigenen Händen, aber das ist nur möglich durch den unglaublichen Zufall, dass ich in Deutschland geboren wurde und nicht in Äthiopien. Ich habe weder die Straßen gepflastert, auf denen ich mich bewege, noch die Schulen gebaut, in die ich gegangen bin. Wer hier also mit dem Argument kommt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dem kann ich nur entgegnen: Sie haben leider nicht den blassesten Schimmer von der Realität.
Heute las ich auf Zeit Online einen Kommentar zum Thema Spenden und Katastrophenhilfe. Unter anderem steht da:
»Was wir brauchen, ist ein tragfähiges globales Hilfsnetzwerk. Dieses Netzwerk muss auf der Zusammenarbeit von multilateralen, bilateralen, regionalen und nationalen Einrichtungen und Initiativen beruhen. Es muss gut analysieren und mit politischem Gespür schnell reagieren. Wenn die Grundlagen der Entwicklung eines Landes durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört worden sind, kann adäquate humanitäre Hilfe den Grundstein für raschen Wiederaufbau legen und dazu beitragen, dass die Krise nicht zu politischen Zwecken ausgenutzt wird.«
(Quelle: zeit.de, 23.08.2010)
Ehrlich gesagt sträuben sich mir bei solchen Zeilen die Nackenhaare. Abgesehen davon, dass auch ein globales Netzwerk das politische Ausnutzen von Katastrophen niemals verhindern könnte, würde man mit einem solchen humanitären Auffangsystem den Politikern dieser Welt einen Freifahrschein zum Versagen ausstellen. Nichts anderes geschieht doch tagtäglich, nur dass die Hilfsorganisationen überall in der Welt das Versagen der Politik auffangen. Ein übergeordnet installiertes System hätte den Charakter eines Super-Airbags, und wir wissen ja, dass ein Fahrer riskanter fährt, je mehr Sicherheitssysteme in seinem Fahrzeug stecken.
Wenn wir uns also das Blaue vom Himmel herunterwünschen könnten, dann würde ich mir mehr Manpower und mehr Hirnmasse wünschen. Spendengelder allein helfen nicht hundertprozentig, da gebe ich dem Artikel Recht – auch wenn ich betonen möchte, dass sie vieles erst ermöglichen. Mehr Manpower bedeutet für mich, sich selbst zu engagieren. Nicht jeder kann es sich erlauben, aber viele. Und mit mehr Hirnmasse meine ich zweierlei: Erstens kann sich jeder Gedanken drüber machen, was er zu einem besseren Leben eines anderen Menschen beitragen kann, im Großen (Katastrophen, global) wie im Kleinen (Alltag, Mitmenschen). Zweitens die Abschaffung irrsinniger Bürokratie, die Organisationen daran hindern, schnell zu helfen. In Haiti hat gerade erst der Zoll Organisationen wie der Kindernothilfe wahnsinnig dumme Probleme bereitet. Vor einiger Zeit wollte eine Gruppe von Banditen als Hilfsgüter getarnte Schmuggelware durch den Zoll schleusen. Deshalb fanden die dummen Zöllner (ich hatte es ja auch mal mit welchen zu tun), dass es eine gute Idee wäre, Maschinen wie Bagger (!) für den Wiederaufbau am Zoll festzuhalten. Könnte ja Schmuggelware sein, so ein Bagger von der Kindernothilfe. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein.
Kommen wir nun zur ursprünglichen Frage zurück: Wer soll mein Geld bekommen? Jeder hat so seine Prioritätenliste. Es gibt Leute, die Tiere über alles lieben und deshalb für Organisationen wie WWF oder Peta (für die ich ebenfalls mal als Texter gearbeitet habe) spenden. Dann gibt es Menschen, die irgendein Land bereist und einen Bezug dorthin hergestellt haben. Die spenden dann für die Äthiopienhilfe, für ein Kinderhilfsprojekt in Rumänien oder für Straßenkinder in Brasilien. So könnte man es ewig weitertreiben, allerdings gibt es viele Menschen, die können sich einfach nicht entscheiden. Und da komme nun ich ins Spiel, denn ich stand vor einigen Jahren genau vor diesem Problem. Zunächst einmal muss man sich eingestehen: Man kann nicht allen gleichermaßen helfen. Nicht einmal der reichste Mensch der Welt kann das, und frecherweise nehme ich einfach mal an, dass Sie sich jetzt nicht angesprochen fühlen.
Also muss man sich überlegen: Welche Argumente sprechen für die Organisationen? Wo liegen meine höchsten Prioritäten? Was macht in meinen Augen am meisten Sinn? Einfaches Beispiel: Ich bin der Meinung, dass eine bessere Welt nur durch aufgeklärte, gebildete Menschen entstehen kann. Ungebildete Menschen können sich und andere nicht ernähren, verhüten nicht, kümmern sich nicht um die Umwelt und lösen Konflikte mit Waffen. Daher lege ich meinen Schwerpunkt auf Bildungsprojekte. Damit finanziere ich nicht nur einige Schulbücher und Lehrer, sondern im Idealfall eine positive Kettenreaktion. Vielleicht trage ich am Ende mit einem recht geringen Betrag dazu bei, dass jemand ein hervorragender Bauer wird und hundert Menschen ernährt.
Vielleicht bin ich ja etwas naiv, aber wir sitzen mit unseren verdammten Ärschen im selben Boot namens Erde, und das Boot ist bereits ziemlich im Arsch. Überall sickert es in den Rumpf, und der Motor ist auch nur noch am Qualmen wie Rudi Assauer. Natürlich könnten wir warten, bis der Kahn absäuft, aber ganz ehrlich: Da hab ich keen Bock drauf.

Zumindestens der letzte Absatz erinnert mich stark an die Platessa und deine liebe zu dem Kahn.
Ansonsten erschreckend gute und nüchterne Analyse. Leider:-(