Seit Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ (Original: „An Inconvenient Truth“) ist Umweltschutz schwer in Mode. Auch wenn die Leute weiterhin alle Geräte auf Stand-by gestellt lassen, Batterien in den Hausmüll werfen und exzessiv Fleisch konsumieren, behaupten alle, mehr auf die Umwelt zu achten. Und wo die Masse ist, ist der Privatsender ProSieben natürlich nicht weit. Im Mai 2011 riefen die Verantwortlichen des Senders den Green Seven Monat aus. Neben der Ausstrahlung einiger Dokumentationen nahmen Formate wie „Galileo“ zahlreiche Umweltthemen ins Programm. Mülltrennung, Aufforstung, Klimaschutz, Sprit sparen, all dies wurde bis zum Erbrechen durchgekaut. Daran ist auch nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Es gibt aber ein großes Aber.
Aber: Erst im Alltag beweist ein Sender, wie konsequent er ist. In diesem Punkt versagt ProSieben kläglich. Um das zu veranschaulichen, picke ich mal die Sendung „Galileo“ heraus. Früher wurde mir bei „Galileo“ erklärt, wie der Mais vom Feld in die Dose kommt. Dazu ein paar Bonduelle-Logo-Einblendungen, fertig. In letzter Zeit aber häufen sich unerklärliche Boulevardbeiträge, die mit Umweltbewusstsein nichts zu tun haben oder im Gegenteil ausgesprochen umweltschädlich sind. Beispiele:
Bei einem Rekordversuch (es stellt sich hier die Frage, wieso Galileo versucht, sinnlose Rekorde aufzustellen) wurden über zweitausend Colaflaschen mit Mentos-Bonbons befeuert, um so eine entsprechende Anzahl an Fontänen zu erzeugen. Angesichts verdurstender Kinder in Somalia oder im Sudan indiskutabel und an Zynismus kaum zu überbieten.
In diese Kategorie fällt auch Jumbo Schreiner, der eine zeitlang durch die Weltgeschichte fuhr und besonders große Portionen diverser Gerichte (bevorzugt: Fleisch) probierte. Ich weiß zwar nicht, ob er das immer noch macht, ich fand es aber damals schon völlig daneben, mit Essen zu spielen.
Neuerdings gibt es bei „Galileo“ die Rubrik „Galileo Experiment“. Wenn ProSieben um 20:15 Uhr einen Hollywood-Blockbuster im Programm hat, spielen irgendwelche Menschen bei Galileo in dieser Rubrik diverse Filmstunts nach. Beispielsweise wird dann schon mal ausprobiert, ob ein Fass voller Schießpulver explodiert, wenn man mit Handfeuerwaffen draufballert. Oder es wird versucht, mit einem Düsentriebwerk ein Fahrzeug wegzublasen. Erstens sind solche Experimente völlig uninteressant und langweilig, und zweitens eher selten von Belang. Wieso dafür jede Menge Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, verstehen wohl nur die Quotennutten von ProSieben.
Dann gibt es noch diese Kochrubrik, in der diverse Menschen zeigen, wie dumm sie sind. Die läuft immer nach dem identischen Prinzip ab: Ein Laie und ein „Profi“ (der dem Zuschauer grundsätzlich tierisch unsympathisch erscheint) versuchen sich an einem vorgegebenen Gericht, beispielsweise Pfannkuchen. Der Laie macht absichtlich alles falsch, damit der Profi so viele schlaue Tipps wie möglich geben kann. Das verbockte Gericht landet im Müll, gegessen wird das gelungene vom Profi. Diese Rubrik regt mich am meisten auf, weshalb ich die Sendung nicht mehr gucken werde. Klar bereitet man im Fernsehen Themen anschaulich auf. Aber das geht ganz bestimmt auch, ohne jede Menge Lebensmittel in den Müll zu kippen. Was denken sich diese (sorry) Idioten dabei? Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Und dann in einem anderen Beitrag scheinheilig anmerken, dass die Deutschen doch ach so viele Lebensmittel wegwerfen würden. Geht’s noch?
Auf die Umwelt zu pfeifen sei jedem freigestellt. Damit müssen dann eben die Kinder und Kindeskinder auch der ProSieben-Angestellten klar kommen. Aber Scheinheiligkeit ist einfach das Letzte. Auf der einen Seite dem Zuschauer ein schlechtes Gewissen machen, dass er doch so ein Megaversager beim Thema Umweltschutz sei, und dann auf der anderen Seite fröhlich Autos in die Luft jagen und Lebensmittel wegwerfen. ProSieben ist natürlich nicht der einzige Sender, der sich in diesem Punkt tagtäglich lächerlich macht. Aber er ist auf jeden Fall ganz vorne mit dabei.
Ich blogge seit 2005. Damals kannte man das Wort Bloggen noch nicht so wie heute, ich nannte es Online-Tagebuch und schrieb meine Meinung ins Netz. Vieles davon würde ich heute nicht mehr machen. Beleidigungen, Beschimpfungen, persönliche Diffamierungen waren an der Tagesordnung. Kommentieren konnte man noch nicht direkt unter die Artikel. Ich bearbeitete bei jedem Post eine html-Seite und lud sie jedes Mal neu hoch. In all den Jahren habe ich natürlich einige Shitstorms mitgemacht, besonders als die erste WordPress-Version online war.
Meine Meinungen sind kontrovers. Ich verstehe sie teilweise selbst nicht, jedenfalls polarisierten sie schon immer. Das war der Reiz des Bloggens, aber auch die Gefahr. Ein ehemaliger Dozent von mir, der gerade in Dortmund ein beeindruckendes Kunstprojekt an der Betonmauer vor dem Dortmunder U realisiert hat, wollte mich fast verhauen, weil ich damals einige Abläufe an unserer Hochschule offengelegt und kritisiert habe. Dieser Eintrag war wohl der bis heute meist diskutierte, den ich je geschrieben habe, und mittlerweile sollen sich die Zustände an besagter Schule gebessert haben. Zu meiner Zeit gab es extrem viel zu kritisieren, und im Nachhinein betrachtet war ich mit meinem Eintrag noch viel zu milde. Die Reaktionen allerdings haben mich als Blogger extrem weitergebracht. Gewisse Verhaltensweisen lernt man erst, wenn man solche Situationen überstehen musste.
Der Kern der Lehren, die ich damals gezogen habe, lautet: Es zählen nur Argumente. Beleidigungen, Unterstellungen, Ignoranz und Zynismus bringen eine Diskussion nicht weiter. Seitdem habe ich nie wieder Probleme mit Haters, Trolls und Spams gehabt. Als aktuelles Beispiel seien die Vorgänge der letzten Tage genannt, als die Veranstalter eines Gewinnspiels sich ungerecht bewertet fühlten. Jemand aus der Agentur, die für das veranstaltende Unternehmen arbeitet, begab sich anonym auf mein Blog, um zu trollen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen und Entgegenkommen erfolgte weder eine Argumentation noch ein Einlenken. Also habe ich dem ein Ende gesetzt und gut is. Allerdings hatte der Besuch dieses Agenturmenschen auf meiner Seite auch etwas Gutes: Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ein Impressum für mein Blog benötige. Hätte ich nicht gedacht, ist aber juristisch korrekt, da es sich bei einem Blog um ein meinungsbildendes Medium handelt. Zwar hätte er mich auch ohne Beleidigung und Drohung darauf aufmerksam machen können, aber diese Möglichkeit zog er leider nicht in Betracht. Sei’s drum.
Kurzerhand habe ich einen Kodex erstellt, der kurz erläutert, wie man sich auf dieser (und eigentlich auf jeder anderen) Website zu verhalten hat. Ich dachte, im Jahre 2011 sei so etwas nicht mehr nötig. Aber wenn erwachsene Menschen, die auch noch in derselben Branche arbeiten wie ich und eigentlich gebildet sein sollten, sich zu genannten Kindereien hinreißen lassen, dann besteht Handlungsbedarf. Vielleicht bin ich ja einfach schon zu deutsch, dass ich hier mit Paragrafen und Regeln um mich werfe. Ansonsten danke ich für die Unterstützung meiner Leser, die nach Berlin fahren wollten, um die Angelegenheit handfest zu klären. Gewalt ist keine Lösung und dafür steht das Projekt Weltgeschichte.org auch nicht. Die Hände sind nicht da, um sie zur Faust zu ballen. Sie sind da, um sie sich zu reichen. Sniff. Taschentuch, bitte.
Einer muss immer das letzte Wort haben. Auf meinem Blog bin ich das. Jemand von der Smart-Agentur InterOne oder seinem Umfeld meint, die Kommentarfunktion sei fürs Trollen gedacht. Dem ist aber nicht so. Als ausgewiesene Online-Experten sollte man wissen, dass man überall seine IP-Adresse hinterlässt. Wenn man also anderer Meinung ist als ich, sollte man nicht so lange herumpöbeln, bis ich die IP-Adresse und den Absender veröffentliche. Nur so als allgemeine Verhaltensregel in Blogs. Die Smart-Geschichte ist für mich hiermit erledigt. Damit meine ich, dass sich jeder sein eigenes Urteil bilden soll. Alle weiteren Kommentare des anonymen Trolls aus Berlin werden gelöscht.
Nachtrag 16. November 2011:
Die Wogen scheinen sich zu glätten, nachdem sie ganz schön aufgetürmt sind (siehe z. B. Kommentare unter diesem Eintrag). Die Friedensverhandlungen laufen und gestalten sich hoffnungsvoller als die im Nahen Osten. Immerhin.
Originalartikel:
Vielleicht liegt es an der fehlenden Rückbank. Vielleicht aber auch an fehlendem Hirnschmalz. So oder so, mit einem an sich netten Gewinnspiel auf Facebook hat Smart Deutschland es geschafft, Kinder in Not zu beleidigen, engagierte Helfer zu verärgern und viel mehr Gegner zu gewinnen als neue Freunde.
Die Geschichte dazu ist schnell erzählt: Vor einiger Zeit fragte Roman vom Millionentausch verschiedene Pkw-Hersteller, ob sie bereit wären, einen Neuwagen gegen die Ägyptenreise zu tauschen. Wie auch zahlreiche andere Hersteller schickte Smart eine höfliche Absage. Allerdings wurde Roman auf ein Gewinnspiel aufmerksam, das Smart auf Facebook veranstalten wollte. Dort konnte man ein Smart ForTwo für 99 Euro gewinnen – also der Gewinner sollte die Möglichkeit bekommen, den Smart für 99 Euro zu kaufen. Im darauffolgenden Fotowettbewerb setzten sich fünfzig Bilder durch, die danach von einer Jury gesichtet wurden. Schon da gab es einige Ungereimtheiten, da die Wettbewerbsregeln teils nicht eingehalten wurden und es zusätzlich Probleme bei der Stimmabgabe gegeben haben soll. Jedenfalls kürte die Jury ein hübsches Bild zum Sieger, aber eben nicht das von Roman. Bis hierher ist alles in Ordnung. Zwar schade, aber das Siegerbild ist wirklich schön und hat es verdient.
Nun aber lobte Smart Trostpreise für drei weitere Beiträge aus. Auch Romans Bild sollte einen Trostpreis bekommen. Ich kenne Roman und halte ihn für einen bedachten, geduldigen und verständnisvollen Menschen. Er ist niemand, der schnell ausrastet, cholerisch herumspringt und Leute schlägt. Wenn dieser Roman also sauer wird, dann hat das einen triftigen Grund. So einer kann sein, das soziale Engagement einiger kleiner Fische, die nie Tennis gespielt, geboxt oder irgendeinen Scheiß moderiert haben, zu ignorieren. So einer kann sein, trotz klarer Befürwortung der Mehrheit einen anderen Beitrag zum Sieger zu erklären. Aber so einer darf nicht sein, ein Projekt für misshandelte Kinder und Gewaltprävention ins Lächerliche zu ziehen. Genau das haben die Marketingmenschen von Smart getan. Indem sie einerseits sein soziales Engagement loben (es aber nicht unterstützen), aber gleichzeitig Mitte November jemandem, der sich von zwei Steinen zu einer einwöchigen Luxus-Ägyptenreise hochgetauscht hat, zwei Werbe-Sonnenliegen anbieten und schreiben, diese wären „bestimmt zum Tauschen brauchbar“ (sic!).
Aus Marketingsicht könnte ich hier schon etliche Punkte anführen, wieso das ein absolutes Desaster für die Marke ist. Es wäre ein Einfaches gewesen, „ausnahmsweise“ einen weiteren Smart zu spendieren. So wären alle glücklich gewesen und hätten Smart als warme, menschliche Marke wahrgenommen, die sich wirklich Gedanken um ihre Kunden macht. Und es hätte nicht einmal besonders viel gekostet. Die Smart-Fahrer von heute sind vielleicht die Mercedes-Fahrer von morgen. Ein wenig Investment hätte sich gelohnt. Oder wo genau hätte das Problem gelegen, stattdessen einen 99-Euro-Gutschein für Amazon springen zu lassen, passend zum Thema? Wäre nicht viel gewesen, aber doch nicht so ungeschickt wie zwei Werbeartikel, die auch noch null in diese Jahreszeit passen. Stattdessen haben sie damit über 1000 Millionentausch-Freunde (so viele erreicht Roman inzwischen mit einem einzigen negativen Posting über Smart) verprellt. Darunter sind viele, die mit der Stiftung Hänsel+Gretel zu tun haben und tagtäglich mit missbrauchten und/oder misshandelten Kindern zu tun haben. Muss das alles für sie nicht klingen wie Hohn? Was ist von einer Marke zu halten, die so wenig Sensibilität beweist bei einem so eindeutigen Thema wie Kindesmissbrauch?
Ich für meinen Teil bin von Smart schwer enttäuscht. Weil die Marke gezeigt hat, dass sie nur eine Marke ist – und die Idee der sozialen Medien definitiv nicht verstanden hat. Und was die fehlende Rückbank angeht: Ist doch prima für die Marketingexperten bei Smart. So müssen die Kinder nicht mitkommen, und die asozialen Erwachsenen können schön unter sich bleiben.
Heute schon etwas Gutes getan? Ja? Lust, mit vier Klicks ein bisschen mehr zu tun? Folgendes: Smart verlost einen Smart. Dazu gibt es ein Foto-Wettbewerb, und der Millionentausch für die Stiftung Hänsel + Gretel (gegen Kindesmissbrauch) macht mit. Und so einfach helfen Sie – mit nur vier Mausklicks:
Edmund Gerald „Jerry“ Brown, Jr. ist ein bemerkenswerter Mann. Nicht, weil er der bis dato jüngste Gouverneur Kaliforniens war, sondern mit seiner zweiten Amtszeit auch der älteste Gouverneur Kaliforniens ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der ja für republikanische Verhältnisse durchaus respektable Ziele verfolgte, raucht er aber nicht nur den ganzen Tag und schwängert irgendwelche Hausangestellten (wie herrlich polemisch ich doch sein kann). Nein, er hat ein wichtiges Gesetz verabschiedet. Der typisch US-amerikanische Name: „Dream Act“.
Demnach werden Kinder illegaler Einwanderer unter bestimmten Bedingungen (die in diesem Artikel nicht genannt werden) mit staatlichen Mitteln gefördert, wenn sie an die Uni wollen. Der texanische Gouverneur Rick Perry (Republikaner) hat ähnliches vor und vergrätzt damit momentan die Ultrarechten in seiner Partei. Aber die haben von Grenzproblemen und Mexiko und dem ganzen Kladderadatsch keine Ahnung, also klammern wir sie mal stumpf aus.
Meine Meinung dazu: Ich bin zwar nicht unbedingt der treueste Freund davon, an der Spitze des Eisbergs herumzukraxeln, während unten die Bombe tickt. Trotzdem finde ich es einfach nur richtig, Potenziale zu fördern, anstatt sie zu ignorieren. Jerry Brown hatte sicherlich nicht einfach nur soziale Interessen im Kopf, als er sich gemeinsam mit seinen Mitarbeitern das Gesetz erdachte. Mit dem Dream Act werden gleich mehrere Probleme gelöst oder zumindest abgemildert:
1.) Ohne Einwanderer wäre die USA ein ziemlich leeres Fleckchen Erde. Sie zu fördern ist eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Besiedlung.
2.) Nutzung der Potenziale, wie bereits oben angerissen.
3.) Rechtzeitige Vermeidung einer Parallelgesellschaft. Mit einer Ausgrenzungspolitik schaffe ich Probleme, wie ich sie hier in Deutschland mit den türkischen Einwanderern geschaffen habe.
4.) Hilfe zur Selbsthilfe. Der Staat schafft stabilere Strukturen unter den zugewanderten Familien, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann selbst Arbeitsplätze schaffen (und nicht wegnehmen, wie Gegner des Gesetzes behaupten) und folgt damit auch wirtschaftlichen Interessen.
Apropos Gegner. Diese weisen auf die Gefahr hin, mit dem Gesetz würde man illegale Einwanderer motivieren, nach Kalifornien zu kommen. Haben sich diese Menschen einmal die Zustände auf den mexikanischen Bahnhöfen oder an den Grenzen angesehen? Die Einwanderer riskieren bereits Kopf und Kragen, im Staat Kalifornien leben 35,9 Prozent Hispanics, ein Viertel aller Kalifornier stammt aus Mexiko (Quelle). Sie fallen von Zügen, verrecken in der Wüste, lassen ihre Familien zurück. Eine Uni-Förderung ist ja schön und gut, aber ich denke nicht, dass auch nur ein einziger Mensch deswegen extra in die USA aufbricht.
Aus den Staaten hören wir immer nur über Abschottungen und Ausgrenzungen. Insofern nehme ich die aktuelle Nachricht wohlwollend zur Kenntnis und bin gespannt, wie sich das Ganze in den nächsten 30 Jahren entwickeln wird. 2041 werde ich dann ein Fazit bloggen, bis dahin empfehle ich, täglich hier vorbeizuschauen.
Für € 14,90 gibt es die E-Book-Version meines Jakobsweg-Buches. Nicht nur für den Amazon Kindle, sondern auch fürs iPad und für alle epub-Reader. Auch die Einnahmen für die E-Book-Version werden komplett gespendet. Nachdem bereits zwei Spenden an die Kindernothilfe gegangen sind, geht die nächste an Schalke hilft! für benachteiligte Kinder in meiner Heimatstadt Gelsenkirchen.
Das Ziel: Eine Million Euro für Kinder in Not. Eine stattliche Summe, die nicht einfach irgendwo in einem Hamburger Brunnen herumliegt. Oder doch? Roman Jonsson und Marcin Baba sagen: Ja. Aber nur indirekt. Vor 15 Monaten startete die Aktion Millionentausch für die Stiftung Hänsel + Gretel. Christoph Metzelder, myToys.de und Ültje haben schon mitgemacht. Vielleicht kennen Sie ja jemanden, der eine Woche Ägypten all inclusive gebrauchen kann – als Geschenk, als Erholungsurlaub oder als Motivationshilfe für die Angestellten. Das Interview führte ich am 19. September 2011 per Skype-Chat. Es ist nicht nur ein Meilenstein der Interviewtechniken geworden, sondern auch einer der Interviewantworten. Zwei Meilensteine. Wie zwei Kieselsteine. Kein Zufall. Viel Spaß beim Lesen:
Maori: Ahoi Roman. Über ein Jahr ist es her, dass Marcin und du den Millionentausch gestartet habt. Wie schätzt du den bisherigen Verlauf und die allgemeine Resonanz ein?
Roman: Gut, aber noch nicht welthitverdächtig. Gut ist: 1000 Fans auf Facebook, jede Menge Blogleser, jede Menge Klicks auf YouTube. Aber – um es mal mit den Worten der FDP zu sagen – da ist noch Luft nach oben. :)
Maori: Wobei die FDP erst aus dem Wasser auftauchen muss, bevor überhaupt an Luft zu denken ist. Ist Marcin noch involviert oder betreust du das Projekt zurzeit allein?
Roman: Nein. Marcin ist überhaupt nicht mehr involviert. Er was es nur kurz, ganz am Anfang. Vor allem, als es ums Layout ging. Die Sache mit den Texten und die Sache mit dem Tauschen und die Sache mit dem Organisieren und die Sache mit den sozialen Netzwerken – die wollte er lieber mir überlassen. Und dann ist er ja auch ziemlich schnell in die Schweiz ausgewandert.
Maori: Da kann er ja mal Millionentausch.ch ins Leben rufen, so als Ableger. Wie dem auch sei, hast du je wieder was von den bisherigen Tauschern gehört? Was aus der Schampusflasche, der Kamera oder ganz besonders den zwei Startsteinen geworden ist?
Roman: Da wäre er ein bisschen spät dran. In der Schweiz hat jemand schon ein ähnliches Projekt ins Leben gerufen. Es heißt aber Tauschmillion(är). Von den anderen höre ich ab und zu. Metzelder hat den DFB-Pokal gewonnen. Tim Tigges ist nach Südafrika ausgewandert.
Die Steine liegen als Altersvorsorge im Safe von Thomas. Die Kamera wollte Christoph Metzelder dem TuS Haltern schenken – für deren Onlineprojekt. Über die Schampusflasche weiß ich nix. Aber eine innere Stimme sagt mir: Sie ist leer. :)
Maori: Wenigstens einer, der was zu feiern hatte. Obwohl, beim Millionentausch gab es ja auch einige herrliche Momente. Einige davon wurden ja als Video veröffentlicht. Welche deiner zahlreichen Reisen waren besonders nett, besonders motivierend?
Roman: Wow. Du bist die Arabella Kiesbauer des Skype-Journalismus. Was für eine Überleitung. :) Aber die Reisen waren alle spannend. Hab’ immer interessante Menschen getroffen. Und bei allen war es so ein Weihnachtsgefühl. Als hätte jemand mit dem Glöckchen geklingelt – und der Weihnachtsbaum mit den Geschenken steht am anderen Ende der Republik. Motivierend waren sie also alle. Aber auch verpflichtend. Jeder neue Tausch bedeutet ja: Es steht eine neue große Aufgabe an.
Maori: Inzwischen sind wir bei einer traumhaften Ägyptenreise für zwei Personen angekommen. Spinnen wir doch mal ein wenig herum, wer als Tauschpartner in Frage kommt. Die letzten Tauschpartner waren Unternehmen. Hast du schon ein paar Ideen, was ein weiteres großzügiges Unternehmen mit einer Zwei-Personen-Ägyptenreise anfangen könnte?
Roman: Damit könnte man jede Menge anfangen. Entweder man ist als Chef selbst urlaubsreif und fährt hin. Oder man verlost die Reise unter seinen Angestellten. Vielleicht gibt es ja auch einen, der sich extrem für das Unternehmen eingesetzt hat – und eine tolle Belohnung bekommen sollte. Aber natürlich könnte ein Unternehmen die Reise auch an seine Kunden verlosen. Die Möglichkeiten sind endlos. Mit „Hätte“, „Wäre“ und „Könnte“ könnte ich noch stundenlang weiter jonglieren. Was würdest du denn deinem Chef raten, wenn er die Reise ertauschen würde? Rumspinnen finde ich übrigens gut. Auch wenn das mit ’ner strukturierten Antwort nix mehr zu tun hat. Aber darum kümmert sich dann der Herr Interviewer, oder? Nicht, dass ich das neue Interviewdummchen der Nation werde. Hab’ ich jetzt meinen Interviewpartner kaputt gemacht? Och Menno!
(Stille.)
Maori: War gerade Mittag machen. :) Als Belohnung für einen besonders engagierten Mitarbeiter finde ich die Reise hervorragend geeignet. Bald ist doch auch Weihnachten, oder? Was gibt es Schöneres, als auf einer Weihnachtsfeier unter den treuen Angestellten eine schöne Ägyptenreise zu verlosen? Damit meine zehn Millionen Leserinnen und Leser einen kleinen Orientierungspunkt haben: Wie viel ist die Ägyptenreise wert?
Roman: Ich dachte, du wärst schon bei 11 Millionen Lesern? Na ja, egal: Die Reise kostet mindestens 2500 Euro. Eher ein bisschen mehr, weil ja wirklich alles inklusive ist. Mit Hin- und Rückflug. Ich finde das einen guten Vorschlag mit der Verlosung auf der Weihnachtsfeier. Schlag das deinem Chef doch bitte mal vor.
Maori: Was ich an der Reise gut finde: Der Wert sinkt nicht wie beispielsweise bei Unterhaltungselektronikgeräten (Scrabble-Gewinnerwort). Sind schon einige interessante Tauschvorschläge eingegangen?
Roman: Aua. Da triffst du den wunden Punkt.
Maori: Also ja, welche denn? Ähm, okay. An dieser Stelle sollte sich jeder einmal fragen: Habe ich etwas Schönes zu tauschen und dringend Urlaub nötig? Gut. Was waren denn bisher die abstrusesten oder kuriosesten Tauschvorschläge?
Roman: Hmm. Die liegen schon ein Weilchen zurück. Je höher der Wert, desto weniger Tauschvorschläge trudeln bei mir ein. Am Anfang wurde mir mal ein altes, schimmeliges Sofa für die beiden Kieselsteine angeboten. Und eine Porzellanpuppe. Und eine alte Autogrammkarte von Stefan Raab.
Maori: Wobei ja jemand schon mal eine Autogrammkarte von Ansgar Brinkmann bis zu einem Auto hochgetauscht hat. Aber das Auto war weniger wert als die Ägyptenreise, insofern hast du es ja schon mal weiter gebracht. Kommen wir einmal zur wichtigen Arbeit der Stiftung Hänsel + Gretel gegen Kindesmissbrauch. Wieso gerade die, außer dass Scholz & Friends bereits für die Stiftung gearbeitet hat?
Roman: Als ich noch bei S&F gearbeitet habe, habe ich auch ab und zu etwas für Hänsel + Gretel gemacht. Ich kannte also die schwierige Arbeit, der sich die Kinderschutzstiftung stellt. Das muss man einfach unterstützen. Außerdem ist die Idee entstanden, als wir über die Stiftung Hänsel + Gretel gesprochen haben. Damals trat die Stiftung unter dem Motto „Kindesmissbrauch ist kein Märchen“ auf. In dem Zusammenhang habe ich mich mit Marcin über das Märchen von Hans im Glück unterhalten. Der tauscht einen Klumpen Gold, bis zwei Kieselsteine dabei herauskommen. Da fiel dann der Sat: „Hätte er es mal besser umgedreht gemacht.“ Zack – war die Idee geboren.
Maori: Die ich übrigens klasse und unterstützenswert finde. Verfolgen die Menschen bei Hänsel + Gretel die Aktion? Wie fiel und fällt die Resonanz von dieser Seite aus?
Roman: Hänsel + Gretel findet die Aktion klasse. Sie waren von Anfang an begeistert und haben dieses ganze Experiment immer wohlwollend zugelassen. Das ist ja nicht selbstverständlich. Immerhin kann es ja sein, dass das mit der Million nicht klappt. Wer weiß, vielleicht kommen nur 900.000 Euro zusammen? :)
Maori: Ich glaube ja, dass Stiftungen wie Hänsel + Gretel von solchen originellen Aktionen sehr viel mehr haben als „nur“ die Summe, die unterm Strich stehen wird. Du bist inzwischen nicht mehr bei Scholz & Friends; wie sieht die Unterstützung deines neuen Arbeitgebers bezüglich deines Engagements aus? Oder ist das überhaupt kein Thema?
Roman: Mein Chef Marc Schwieger findet den Millionentausch super. Während der Arbeitszeit mal was posten oder das ein oder andere Telefonat zu führen, ist gar kein Thema. Ich muss meine Arbeit schaffen, aber für den Millionentausch darf ich nebenbei auch was machen. Anders wäre es auch gar nicht machbar. Ich habe also ’nen coolen Chef. Was den Effekt für die Stiftung angeht: Ich hoffe, dass es einen spürbaren gibt. Aber viel wichtiger ist doch, den Leuten klarzumachen: Auch mit wenig Aufwand kannst du Großes leisten. Das ist der Geist, den ich mit dem Millionentausch verbreiten will. Vielleicht zu viel gewollt. Aber probieren muss man das doch mal.
Maori: Zu viel gewollt finde ich die Aktion überhaupt nicht, auch wenn der Name die Vermutung nahe legt. Aber Fünftausendtausch oder Zwanzigtausendtausch klingt einfach nicht griffig. Ich meine mich daran zu erinnern, dass du mal geschrieben hast, dass du noch nicht genau weißt, wann du sagst: Jetzt ist genug, jetzt wird gespendet. Mal ehrlich: Wann wird gespendet? Erst bei der Million? Oder schon bei der halben?
Roman: Na, das Ziel ist die Million.
Maori: Hoffen wir, dass der Euro so lange durchhält. Dann fordere ich hiermit meine Leserinnen und Leser auf, schöne Tauschvorschläge an den Millionentausch und damit an Roman zu schicken. Und falls Sie sich Sorgen machen: Die Ecke Ägyptens, die zum Tausch angeboten wird, ist sicher. Eine Freundin von mir war gerade dort für einen Tauchurlaub. Roman, ich danke fürs Erste und werde in einigen Monaten wieder auf dich zukommen. Viel Erfolg.
Roman: Ich hab aber auch noch ne Frage an dich.
Maori: Bitte.
Roman: Was würdest Du als treuer Millionentausch-Begleiter mir für ’nen Tipp geben? Das Projekt funktioniert ja nur, wenn möglichst viele mithelfen. Was meinst Du? Was soll ich als nächstes machen, um die Ägyptenreise einzutauschen?
Maori: Dazu müsste ich mir ein paar Gedanken machen. Unternehmen haben wir ja schon genannt. Oder man ruft gleich einen Wettbewerb aus: Liebe Fans und Kollegen, denkt euch bitte für uns eine supergünstige Guerilla-Kampagne aus, wie wir auf den Millionentausch aufmerksam machen können! Ich würde mitmachen. Du hast kein Reisebüro gefunden, das Kinderschutz vor Profit stellt? Dann könnten wir vielleicht ein paar Reisebüros mit Plakaten beglücken: „1 Woche Ägypten + Spenden für Kinder in Not.“ Es gibt Kleister im Baumarkt, die bombenfest kleben. Da hält so ein Plakat schon mal drei Wochen. :)
Roman: Sehr schön. Immer mit einer guten Portion Liebe zum Untergrund.
Maori: Untergrund ist vielleicht doch nicht so die tolle Idee, da es hier auch um Hänsel + Gretel geht. Nun denn, Ideen sind gefragt. Vielleicht hat ja jemand irgendwo noch einen Goldbarren oder Apple-Aktien herumliegen. Ich verabschiede mich. Und bedanke mich für das herzerfrischend lange Interview.
Roman: Ja ja. Wenn zwei Texter aufeinander losgelassen werden, wird’s halt irgendwie nicht kurz.
Roman Jonsson (Jahrgang 1980) arbeitet als Creative Director bei undSchwieger, Hamburg. Davor war er jahrelang erfolgreicher Texter bei Scholz & Friends Hamburg, wo ich ihn kennen und schätzen gelernt habe.
Als ich vor genau zwei Jahren durch Nordspanien gelaufen bin, war ich bei weitem nicht der Einzige. Dafür hätte es jetzt auch keinen Blogeintrag gebraucht, ich weiß. Aber neben mir gibt es einen weiteren Menschen, der ein Buch über seinen Weg im September 2009 veröffentlicht hat: Hermann Wenzel. Ich habe Hermann nur einmal auf dem Weg getroffen, kennen gelernt habe ich ihn erst nach dem Camino durch gemeinsame Weggefährten. Mit Interesse habe ich seither all seine Jakobswege und Wanderungen verfolgt, über die er ausführlich und mit wunderbaren Bildern garniert berichtet.
Vor einigen Tagen habe ich endlich sein Buch „Von einem, der auszog, das Pilgern zu lernen – Band 1: In 44 Tagen bis ans Ende der Welt“ bestellt und in einem Rutsch durchgelesen. So konnte ich genau nachsehen, wann und wo wir uns über den Weg gelaufen sind: in Sahagún in der Herberge „Viatoris“. In seinem Buch tauchen zahlreiche Menschen auf, die auch mir begegnet sind. Es war spannend zu lesen, Wege zu rekonstruieren und Hermanns Gedanken und Empfindungen zu folgen. Dabei ist mir hauptsächlich aufgefallen, dass wir trotz unserer Unterschiede wie Alter, Nationalität und Glauben häufig dieselben Fragen gestellt oder ganz ähnliche Empfindungen verspürt haben.
Ich denke, dass Zweifel und elementare Lebensfragen altersunabhängig sind – wie ich bereits in meinem Buch schrieb. Deshalb unterhalten sich auf Camino ja auch Pilger jeder Altersschicht ohne Berührungsängste oder falsche Zurückhaltung miteinander. Im alltäglichen Miteinander könnte es ähnlich laufen, nur fühlen sich Menschen in Schubladen am wohlsten. Leider.
Mein Buch enthielt bis zur dritten Auflage Bilder; ich habe sie alle rausgeworfen, um 300 Seiten Text unterzubringen. Hermanns Buch enthält dagegen wunderbare Bilder seines Weges, und ich musste feststellen, dass ich viele ähnliche Dinge am Wegesrand fotografiert habe. Das Buch ist erhältlich oder bestellbar bei allen Buchhändlern, die anständige Bücher im Sortiment haben; natürlich auch bei Amazon.de.
Der Mega-Bestseller „Vom Schisser zum Glückspilz in sechsundzwanzig Etappen“ (bisher über 150 abgesetzte Bücher) geht in die vierte Runde. Diesmal allerdings wurden nicht nur einige Rechtschreibfehler korrigiert; das Buch wurde komplett überarbeitet. Statt 220 Seiten inklusive Fotos gibt es jetzt 300 Seiten reinen Text. Wesentlich ausführlichere Erläuterungen und zahlreiche verschollene Anekdoten machen das Buch zu einem wesentlich länger anhaltenden Lesevergnügen.
Ich persönlich finde die vierte Auflage als die mit Abstand unterhaltsamste und hoffe auf zahlreiche Käuferinnen und Käufer. Das Buch kostet, da es nun wesentlich dicker ist, 5 Euro mehr. Dadurch steigt der Spendenbetrag pro Buch deutlich an. Auch bei der vierten Auflage gilt: Alle Einnahmen werden ohne Abzüge an die von mir unterstützten Organisationen gespendet.
Endlich geht es weiter. Der Millionentausch geht in die … sechste Runde. Das bedeutet, dass es jetzt eine 5-Sterne-Luxusreise zu ertauschen gibt, die Ültje hat springen lassen. Die haben halt die dicksten Nüsse, die von Ültje – wirklich eine feine Aktion. Hier geht es zur Dankesrede von Roman.