Typisch deutsch

Ich blogge seit 2005. Damals kannte man das Wort Bloggen noch nicht so wie heute, ich nannte es Online-Tagebuch und schrieb meine Meinung ins Netz. Vieles davon würde ich heute nicht mehr machen. Beleidigungen, Beschimpfungen, persönliche Diffamierungen waren an der Tagesordnung. Kommentieren konnte man noch nicht direkt unter die Artikel. Ich bearbeitete bei jedem Post eine html-Seite und lud sie jedes Mal neu hoch. In all den Jahren habe ich natürlich einige Shitstorms mitgemacht, besonders als die erste WordPress-Version online war.

Meine Meinungen sind kontrovers. Ich verstehe sie teilweise selbst nicht, jedenfalls polarisierten sie schon immer. Das war der Reiz des Bloggens, aber auch die Gefahr. Ein ehemaliger Dozent von mir, der gerade in Dortmund ein beeindruckendes Kunstprojekt an der Betonmauer vor dem Dortmunder U realisiert hat, wollte mich fast verhauen, weil ich damals einige Abläufe an unserer Hochschule offengelegt und kritisiert habe. Dieser Eintrag war wohl der bis heute meist diskutierte, den ich je geschrieben habe, und mittlerweile sollen sich die Zustände an besagter Schule gebessert haben. Zu meiner Zeit gab es extrem viel zu kritisieren, und im Nachhinein betrachtet war ich mit meinem Eintrag noch viel zu milde. Die Reaktionen allerdings haben mich als Blogger extrem weitergebracht. Gewisse Verhaltensweisen lernt man erst, wenn man solche Situationen überstehen musste.

Der Kern der Lehren, die ich damals gezogen habe, lautet: Es zählen nur Argumente. Beleidigungen, Unterstellungen, Ignoranz und Zynismus bringen eine Diskussion nicht weiter. Seitdem habe ich nie wieder Probleme mit Haters, Trolls und Spams gehabt. Als aktuelles Beispiel seien die Vorgänge der letzten Tage genannt, als die Veranstalter eines Gewinnspiels sich ungerecht bewertet fühlten. Jemand aus der Agentur, die für das veranstaltende Unternehmen arbeitet, begab sich anonym auf mein Blog, um zu trollen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen und Entgegenkommen erfolgte weder eine Argumentation noch ein Einlenken. Also habe ich dem ein Ende gesetzt und gut is. Allerdings hatte der Besuch dieses Agenturmenschen auf meiner Seite auch etwas Gutes: Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ein Impressum für mein Blog benötige. Hätte ich nicht gedacht, ist aber juristisch korrekt, da es sich bei einem Blog um ein meinungsbildendes Medium handelt. Zwar hätte er mich auch ohne Beleidigung und Drohung darauf aufmerksam machen können, aber diese Möglichkeit zog er leider nicht in Betracht. Sei’s drum.

Kurzerhand habe ich einen Kodex erstellt, der kurz erläutert, wie man sich auf dieser (und eigentlich auf jeder anderen) Website zu verhalten hat. Ich dachte, im Jahre 2011 sei so etwas nicht mehr nötig. Aber wenn erwachsene Menschen, die auch noch in derselben Branche arbeiten wie ich und eigentlich gebildet sein sollten, sich zu genannten Kindereien hinreißen lassen, dann besteht Handlungsbedarf. Vielleicht bin ich ja einfach schon zu deutsch, dass ich hier mit Paragrafen und Regeln um mich werfe. Ansonsten danke ich für die Unterstützung meiner Leser, die nach Berlin fahren wollten, um die Angelegenheit handfest zu klären. Gewalt ist keine Lösung und dafür steht das Projekt Weltgeschichte.org auch nicht. Die Hände sind nicht da, um sie zur Faust zu ballen. Sie sind da, um sie sich zu reichen. Sniff. Taschentuch, bitte.

Kommentare sind geschlossen.