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With Full Force XIX: Erholung auf dem Land | Weltgeschichte.org

With Full Force XIX: Erholung auf dem Land

Juli 3rd, 2012 Posted by Festivals No Comment yet

Niemand von euch wird sich gefragt haben, wo ich am vergangenen Wochenende war. Trotzdem möchte ich sie beantworten, die Frage, die nie gestellt wurde. Nachdem ich 2009 mit dem Camino mein Reisetrauma abgelegt habe, stand am vergangenen Donnerstag der erste Festivalbesuch meines Lebens auf dem Programm: With Full Force XIX auf dem Segelflugplatz Roitzschjora bei Löbnitz, Sachsen.

Zu viert (Freundin Melle, Martin, Uwe) düsten wir am Donnerstagnachmittag Richtung Osten, um rechtzeitig das EM-Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien zu sehen. Wir schafften es zur zweiten Halbzeit aufs Gelände, aber da war die Partie an sich schon gelaufen. Super. Drauf geschissen, eigentlich tat das der Festivalstimmung ganz gut, so konnten sich alle das Wochenende voll aufs Line-up konzentrieren.

Am Freitag allerdings stieg die Außentemperatur ins Unerträgliche, so dass wir den halben Tag unterm Pavillon verbrachten. Zu Pennywise schafften wir es endlich aufs Gelände, Zoli Téglás hielt zwischen jedem Lied eine halbstündige Rede und verkürzte so die Nettospielzeit der Band etwa um zwanzig Prozent. Nachher soll er auch noch umgekippt sein, davon bekamen wir aber nichts mit. Danach zogen wir uns noch ein bisschen Emmure und Machine Head rein, an sich unterhaltsam, aber nicht meine Gute-Nacht-Musik.

Die Leute auf dem Festivalgelände waren ziemlich aufgedreht, auf mindestens hundertachtzig, wenn nicht sogar zweihundert. Unsere Klos auf dem Zeltplatz 1B waren einigermaßen okay, und die Nachbarn aus dem Frankenland (namentlich Basti, Dave, der Typ mit dem Dropkick-Murphys-Shirt und seine Freundin, Alex und ein weiterer Unbekannter) und Wolfsburg (Steven, Marta, Timo, Feline und Ralle) allesamt sensationell. Meine Fresse, Dave, der jedes verdammte Kacklied aus dem Ghettoblaster mitsang, wer kann dich je vergessen?

In der Nacht schepperte es wohl ordentlich, ich bekam aber nichts mit, ich schlief wie ein angetrunkenes Murmeltier. Der Samstag wurde wieder deftig heiß, die Organisatoren kämpften mit dem Wassernachschub, der auch noch ein kleines Rostproblem aufwies. Wir dagegen schöpften einfach das Wasser vom Pavillondach ab, so dass uns einigermaßen sauberes Wasser zur Verfügung stand. Heute schafften wir es aber immerhin, die erste Band auf dem Tentstage, Eskimo Callboy, zu sehen. Später besuchten wir noch den ziemlich energischen Auftritt von Evergreen Terrace. Nachdem wir zu den sanften Kuschelklängen von Immortal eine Shopping-Runde übers Gelände drehten, durften wir anschließend noch einen bemerkenswerten Auftritt von The Bones erleben.

Danach kehrten wir zum Zelt zurück. Unterm Pavillon schraubte ich mir schön die halbe Wodka-Flasche rein, schlecht sollte sie ja nicht werden. Nebenbei grillten wir noch ein wenig und flitzten dann wieder Richtung Gelände, um uns Heaven Shall Burn anzuschauen. Auf dem etwa zehnminütigen Weg zog der Himmel immer weiter zu. Während vor uns noch die Sonne unterging, färbte sich der Himmel links und hinter uns pechschwarz. In der Ferne zuckten bereits einige Blitze. Als HSB zu spielen begannen legte auch der Himmel los. Dicke Tropfen klatschten auf unsere Köpfe, und wie alle Pussys an dem Abend machten wir uns wieder Richtung Zeltplatz auf. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatten wir kein gutes Gefühl bei der Sache, daher ließen wir den wohl ziemlich legendären Auftritt sausen.

Dort angekommen, prasselte der Regen wie bei einer aufgedrehten Dusche herunter. Martin, Uwe, Melle und ich waren die nächste Zeit damit beschäftigt, das Wasser von den Pavillon-Dächern zu kippen. Währenddessen war es absolut windstill. Ich trank weiter Wodka, fotografierte und filmte den Wolkenbruch und machte mir keine spektakulären Gedanken.

Bald hörte der Regen auf, und wir setzten uns hin, um den Abend ausklingen zu lassen. Bald kamen die Wolfsburger zurück und gesellten sich zu uns, auf dem Gelände schossen sie noch ein nettes Feuerwerk in den Himmel, alles lauschig und friedlich.

Plötzlich begann es erneut zu regnen, aber wie. Um uns herum krachten die Blitze runter, es war unfassbar laut. Starker Wind kam auf, und wir versuchten mit mehreren Leuten die Pavillons festzuhalten. Im nächsten Moment erfasste eine starke Bö die gesamte Konstruktion und riss sie auseinander. Melle bekam eine Stange ins Gesicht, woraufhin wir ins Auto flüchteten und dort das Ende des Gewitters abwarteten. Durch die beschlagenen Scheiben beobachteten wir Blaulicht und fliegende Gegenstände. Irgendwann war der Spuk vorbei, und der Zeltplatz ziemlich demoliert. Uwes Zelt war unter den Resten des Pavillons begraben, so dass er die Nacht im Auto verbrachte. Der Rest schlief in den Zelten, die dem Sturm erfolgreich getrotzt hatten.

Am nächsten Morgen sah der Zeltplatz aus wie Sau, aber Martin und Uwe schnappten sich kurzerhand das Isolierband und klebten eines der Pavillons wieder zusammen. Die Temperaturen am Sonntag bewegten sich endlich im erträglichen Bereich, so dass wir uns alle Bands ansehen konnten, die wir auch ansehen wollten: Trivium, Comeback Kid und Flogging Molly! Trivium war fantastisch, Comeback Kid mir persönlich zu stumpf, aber auch vollkommen okay, und Flogging Molly einfach nur saugeil. Die Leute sind völlig ausgerastet, habe kaum jemanden nicht tanzen sehen.

Auf dem Rückweg zum Zelt lernten wir noch ca. eine Milliarde Leute kennen, machten Fotos mit dem Fischbrötchenmann und der Pommesfrau (beide supernett!) und verabschiedeten uns innerlich von Festival. Beim Zeltabbau führten leichte Differenzen zwischen Melle und mir dazu, die Arbeit des Sturms zu Ende zu bringen. Mit anderen Worten: Wir ließen die Überreste in Roitzschjora. Bei einem traumhaften Sonnenuntergang hinter der Mainstage verließen wir rumpelnd, wackelnd und Bier trinkend das Gelände.

Fazit: Es ist ein großes Glück, dass niemand bei dem Unwetter ums Leben gekommen ist. Die Sanis und Ärzte, die Organisatoren, die Besucher haben allesamt Unglaubliches geleistet. Im Großen und Ganzen war das Festival gut organisiert, nur das Wasserproblem hätten sie bei den angekündigten Temperaturen vorhersehen können. Abgesehen davon habe ich selten so viele witzige, freundliche, einladende, entspannte, tolle Menschen auf einmal kennen gelernt. Nächstes Jahr sind wir wieder dabei.

Nachtrag vom 12. Februar 2013:
Leider hat sich der Veranstalter dazu entschieden, die Anti-Nazi-Linie aufzugeben und in diesem Jahr zweifelhaftes Publikum durch die eine oder andere Band anzulocken. Daher werde ich dieses Jahr auf einem anderen Festival zu finden sein. Das WFF-Festival ist für mich gestorben.

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