Wie ich vor dem Twitter-Support eine Rede hielt

September 14th, 2015 Posted by Politik 2 comments

Über den Twitter-Account @HBF_Vie wird in Wien Hilfe für geflüchtete Menschen organisiert. Dieser Tage meldete ich an den Twitter-Support einen Fake-Account, der sich für diesen Account ausgab. Daraufhin folgte die Bitte von Twitter an mich um einen Identitätsnachweis:

Hallo,

vielen Dank für Deine Meldung zu einem Identitätsbetrug auf Twitter.

Unsere nächsten Schritte:
Zuerst müssen wir Deine Identität überprüfen. Unten stehend findest Du Anweisungen und einen Link zum Hochladen einer Kopie Deines gültigen amtlichen Lichtbildausweises. Anschließend prüfen und bearbeiten wir Deine Meldung. Wir können Deine Meldung erst dann bearbeiten, wenn wir die Dokumente erhalten haben.

Hier meine Antwort:

Lieber Twitter-Support,

in Wien kämpfen engagierte freiwillige Helfer für eine menschenwürdige Behandlung und Unterbringung von Geflüchteten. Letztere sind Menschen, die Dinge erlebt haben, die Sie und ich wahrscheinlich und zum großen Glück niemals erleben mussten. Erstere nutzen Twitter, um schnell und unbürokratisch Hilfe zu organisieren. Wie gesagt: Hilfe für Menschen, denen unvorstellbares Leid widerfahren ist. Die Familienmitglieder haben sterben sehen. Die ihr Hab und Gut verloren haben. Ihre Häuser, Möbel, ihre warmen Betten, ihre Fotoalben mit Erinnerungen an die Kindheit, ihre Nachbarschaft, Freunde. Können Sie sich das vorstellen? Tun Sie’s. Twitter, Ihr Produkt, leistet in diesen Tagen Großartiges. Menschen finden sich über Hashtags wie #trainofhope und #refugeeswelcome zusammen, um Mitmenschen zu zeigen, dass diese nicht allein sind. Mit Nahrung, Hygieneartikeln, Decken und Kleidung, mit Kuscheltieren und – vielleicht am Wichtigsten – mit Nächstenliebe.

Der Account @HBF_VIE geht mit bestem Beispiel voran. Er informiert, wenn irgendwo akut Hilfe benötigt wird. Und dann kommt irgendein Verlierer daher, der vor Menschenhass nur so triefen muss, kopiert den Account und verteilt falsche Meldungen. Wimmelt Hilfe ab, fordert absurde Dinge an, stört hilfsbereite Menschen bei ihrer anstrengenden Arbeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die letzten Tage ohne Bezahlung rund um die Uhr Hilfe organisiert. Sie hätten traumatisierte Kinder weinen sehen, von Albträumen geplagte Frauen und Männer getröstet, Geschichten gehört, die Sie nur aus den schlimmsten Nachrichten kannten. Sie hätten ein wenig Hoffnung geben können, ein Lächeln hier, ein ehrliches Danke dort. Und dann sehen Sie, wie ein Hasser Ihre Anstrengungen untergräbt, sich über Sie lustig macht, Ihr Engagement ins Lächerliche zieht. Wie fänden Sie das?

Und jetzt fordern Sie von mir einen Identitätsnachweis. Sie wollen wissen, wer ich bin, bevor Sie darüber nachdenken, einen menschenverachtenden Account zu sperren. Wenn Sie sich das alles bis hierher in Ruhe durchgelesen haben, werden Sie merken, dass Sie Ihre Moderation dringend überdenken sollten. Sie müssen es nicht, schließlich ist es Ihr Produkt, Ihr Unternehmen. Aber wir leben in Zeiten, in denen jeder Mensch seinen Beitrag leisten kann, um etwas Menschlichkeit in diese Welt zu bringen. Die einen schleppen in Wien am Hauptbahnhof Kisten und Tüten, ohne einen Cent zu verlangen. Die anderen könnten Sie sein, indem Sie diesen Menschen Ihre Unterstützung und Ihren Schutz geben. Schutz vor Troll- und Hass-Accounts wie @HBF__VIE (mit 2 Unterstrichen), den Sie jetzt endlich gesperrt haben.

Wenn Sie unbedingt wissen möchten, wer ich bin, rufen Sie mich doch gerne mal an – meine Nummer haben Sie ja.

Mit freundlichen Grüßen

Maori Kunigo

2 comments

Uwe sagt:

Und wie ging die Geschichte weiter?

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Maori sagt:

Hallo Uwe, erwartungsgemäß haben die mir die exakt gleiche E-Mail noch einmal geschickt. Die lesen sich nichts durch, dafür haben sie kaum das Personal. Aber der Account wurde gesperrt.

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