Seit Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ (Original: „An Inconvenient Truth“) ist Umweltschutz schwer in Mode. Auch wenn die Leute weiterhin alle Geräte auf Stand-by gestellt lassen, Batterien in den Hausmüll werfen und exzessiv Fleisch konsumieren, behaupten alle, mehr auf die Umwelt zu achten. Und wo die Masse ist, ist der Privatsender ProSieben natürlich nicht weit. Im Mai 2011 riefen die Verantwortlichen des Senders den Green Seven Monat aus. Neben der Ausstrahlung einiger Dokumentationen nahmen Formate wie „Galileo“ zahlreiche Umweltthemen ins Programm. Mülltrennung, Aufforstung, Klimaschutz, Sprit sparen, all dies wurde bis zum Erbrechen durchgekaut. Daran ist auch nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Es gibt aber ein großes Aber.

Quelle: http://www.prosieben.de/tv/greenseven/ © ProSiebenSat.1 Media
Aber: Erst im Alltag beweist ein Sender, wie konsequent er ist. In diesem Punkt versagt ProSieben kläglich. Um das zu veranschaulichen, picke ich mal die Sendung „Galileo“ heraus. Früher wurde mir bei „Galileo“ erklärt, wie der Mais vom Feld in die Dose kommt. Dazu ein paar Bonduelle-Logo-Einblendungen, fertig. In letzter Zeit aber häufen sich unerklärliche Boulevardbeiträge, die mit Umweltbewusstsein nichts zu tun haben oder im Gegenteil ausgesprochen umweltschädlich sind. Beispiele:
Bei einem Rekordversuch (es stellt sich hier die Frage, wieso Galileo versucht, sinnlose Rekorde aufzustellen) wurden über zweitausend Colaflaschen mit Mentos-Bonbons befeuert, um so eine entsprechende Anzahl an Fontänen zu erzeugen. Angesichts verdurstender Kinder in Somalia oder im Sudan indiskutabel und an Zynismus kaum zu überbieten.
In diese Kategorie fällt auch Jumbo Schreiner, der eine zeitlang durch die Weltgeschichte fuhr und besonders große Portionen diverser Gerichte (bevorzugt: Fleisch) probierte. Ich weiß zwar nicht, ob er das immer noch macht, ich fand es aber damals schon völlig daneben, mit Essen zu spielen.
Neuerdings gibt es bei „Galileo“ die Rubrik „Galileo Experiment“. Wenn ProSieben um 20:15 Uhr einen Hollywood-Blockbuster im Programm hat, spielen irgendwelche Menschen bei Galileo in dieser Rubrik diverse Filmstunts nach. Beispielsweise wird dann schon mal ausprobiert, ob ein Fass voller Schießpulver explodiert, wenn man mit Handfeuerwaffen draufballert. Oder es wird versucht, mit einem Düsentriebwerk ein Fahrzeug wegzublasen. Erstens sind solche Experimente völlig uninteressant und langweilig, und zweitens eher selten von Belang. Wieso dafür jede Menge Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, verstehen wohl nur die Quotennutten von ProSieben.
Dann gibt es noch diese Kochrubrik, in der diverse Menschen zeigen, wie dumm sie sind. Die läuft immer nach dem identischen Prinzip ab: Ein Laie und ein „Profi“ (der dem Zuschauer grundsätzlich tierisch unsympathisch erscheint) versuchen sich an einem vorgegebenen Gericht, beispielsweise Pfannkuchen. Der Laie macht absichtlich alles falsch, damit der Profi so viele schlaue Tipps wie möglich geben kann. Das verbockte Gericht landet im Müll, gegessen wird das gelungene vom Profi. Diese Rubrik regt mich am meisten auf, weshalb ich die Sendung nicht mehr gucken werde. Klar bereitet man im Fernsehen Themen anschaulich auf. Aber das geht ganz bestimmt auch, ohne jede Menge Lebensmittel in den Müll zu kippen. Was denken sich diese (sorry) Idioten dabei? Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Und dann in einem anderen Beitrag scheinheilig anmerken, dass die Deutschen doch ach so viele Lebensmittel wegwerfen würden. Geht’s noch?
Auf die Umwelt zu pfeifen sei jedem freigestellt. Damit müssen dann eben die Kinder und Kindeskinder auch der ProSieben-Angestellten klar kommen. Aber Scheinheiligkeit ist einfach das Letzte. Auf der einen Seite dem Zuschauer ein schlechtes Gewissen machen, dass er doch so ein Megaversager beim Thema Umweltschutz sei, und dann auf der anderen Seite fröhlich Autos in die Luft jagen und Lebensmittel wegwerfen. ProSieben ist natürlich nicht der einzige Sender, der sich in diesem Punkt tagtäglich lächerlich macht. Aber er ist auf jeden Fall ganz vorne mit dabei.



