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Verplant

Dienstag, 26. April 2011

Sebastian, den ich bereits in meinem Buch »Vom Schisser zum Glückspilz« erwähnt habe, hat sich für den kommenden Sommer eine entspannte Alpenüberquerung vorgenommen. Um dieses Unterfangen einigermaßen vorbereitet anzugehen, möchte er am Wochenende mit mir durch die Gegend wandern. Nun ja, eigentlich habe ich nichts dagegen einzuwenden. Nur: In den letzten anderthalb Jahren bin ich kaum noch gelaufen. Zwanzig Kilometer würde ich wahrscheinlich noch schaffen, aber nicht gleich an zwei Tagen hintereinander. Wenn überhaupt, dann mit Ach und Krach. Dabei wäre es beinahe anders gekommen, und ich wäre fit wie ein Turnschuh gewesen.

Für den August 2011 hatte ich eine Durchquerung Japans vom nördlichsten Punkt Hokkaidos bis zur Südspitze von Kyushu geplant. Knappe dreitausend Kilometer in einem halben Jahr. Die vorgenommene Strecke führt mitten durch Sendai und Fukushima an der Ostküste entlang. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen von einem Erdbeben der Stärke 9,0 vor der japanischen Ostküste gehört. Nach etwa drei Tagen stoischen Ertragens der Bilder und Geräusche habe ich endgültig beschlossen, den Plan aufzugeben. Für die nächsten dreißig, wenn nicht gar zwanzigtausend Jahre, wird die Strecke so nicht mehr begehbar sein. Grundsätzlich würde ich eine Durchquerung Japans irgendwann noch einmal in Angriff nehmen, allerdings nicht in nächster Zeit.

Im Sommer werde ich meinen jetzigen Arbeitgeber verlassen und zu einer anderen Agentur wechseln. Damit werde ich in absehbarer Zeit keine Gelegenheit haben, eine halbjährige Auszeit einzulegen. Was auch völlig in Ordnung geht. Mit Unterstützung einer Hilfsorganisation wollte ich mit der Japan-Aktion Spenden sammeln, aber diese Unterstützung blieb enttäuschenderweise aus. Als Marketing-Typ kann ich nur kopfschüttelnd anmerken, dass viele Organisationen (wahrscheinlich nicht nur in Deutschland) Spenden als selbstverständlich nehmen. Und ja, viele Spender sehen Spenden als selbstverständlich an. Aber gerade deshalb würde ich doch als Organisation jedem Spender eine große Wertschätzung entgegenbringen, anstatt sie als Cash Cows zu sehen, die man mit Mailings und TV-Spots weiter melken möchte. Nicht nur bei Joghurt und Bier, auch bei Hilfsorganisationen merke ich als Medienkonsument doch, ob sie mich als Menschen ernst nehmen oder als Geldbörse sehen. Bevor ich mich jetzt in Rage schreibe, belasse ich es dabei und werde die Unterstützung für eine Organisation einstellen – aufmerksame Beobachter werden bemerken, welche gemeint ist. Die Spenden gehen an eine andere Organisation; an welche, werde ich in einem hochkomplexen Auswahlverfahren festlegen. Mit einer Expertenkommission. Normal.

Falls ich mit Seb wandern gehen sollte, werde ich ein paar Bilder hochladen. Vielleicht sogar ein Video. Aber nur … vielleicht.

Und noch mal: Das Fernsehprogramm ist nicht schlecht!

Freitag, 28. Januar 2011

Als Kritikergott Marcel Reich-Ranicki vor etwas über zwei Jahren den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, zog er über die Teilnehmer der Veranstaltung her, die er als Stellvertreter einer katastrophalen Fernsehlandschaft sah. Behaupte ich jetzt mal. Jedenfalls stehen sich der Pöbel und die Intellektuellen, pardon, die »Intellektuellen«, nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Hier die Frauentausch-Gucker, dort die Theatergänger.

Aktuell erzielt eine unsäglich sinnlose und niveaulose Sendereihe Rekordeinschaltquoten. Auch hier im Großraumbüro (ich habe mein mir versprochenes Büro nicht bekommen, das nur nebenbei) wird beinahe allmorgendlich über die neuesten Ereignisse im australischen Dschungel getratscht. Dabei würde ich jetzt nicht behaupten, dass es sich ausschließlich um niveaulose, bildungsferne Mitmenschen handelt, obwohl der Durchschnittsintellektuelle scheinbar fest davon ausgeht. So wie es lange Zeit unvorstellbar war, dass der Manager mit seinem Audi zu Aldi fährt, so scheint es unvorstellbar, dass ein Akademiker Dschungelcamp guckt. Natürlich muss sich jeder, der solch ein TV-Format mit Interesse verfolgt, sich und seinen Anspruch hinterfragen. Und natürlich ist partielle Dummheit gepaart mit kognitiver Bequemlichkeit weder verwerflich noch strafbar. Die Tatsache, dass man sich mehr für diesen Schund begeistern kann als beispielsweise für eine Dokumentation über Bangladesch, deutet nicht unbedingt auf einen exorbitanten Horizont hin. Allerdings sollte man mit solchen Vorverurteilungen vorsichtig umgehen, schließlich braucht auch die leistungsfähigste Maschine ab und an einen erholsamen Leerlauf. Als Klospülung des Gehirns taugt der Schund doch wohl allemal.

Abgesehen davon bietet das deutsche Fernsehprogramm ein durchaus ansprechendes Niveau. Zwar herrscht der Eindruck vor, man sei von schlechten Sendungen umzingelt, aber das betrifft größtenteils die beiden Medienkonzerne RTL Group und ProSiebenSat.1 Media. Über die Soaps und Volksmusik-Sendungen bei den Öffentlich-rechtlichen kann man sich streiten, allerdings gibt es ja noch die dritten Programme. Hinzu gesellen sich ARTE, 3sat, Phoenix und der ZDFinfokanal, der den ganzen Tag einen ZDF-Bericht nach dem anderen bringt. Das ist ungefähr so wie das Essen hier in Hamburg. Wenn ich in irgendein x-beliebiges Restaurant gehe, könnte es sein, dass ich mit Durchfall und Brechreiz im Rinnstein liegen bleibe. Nur wenn ich mir Zeit nehme und das richtige Restaurant aussuche, bekomme ich auch mein Gourmetmenü.

Am Ende entscheidet der Konsument selbst, was er da vorgesetzt bekommt. Wir sind an allem Schuld! Ach ja, ich werde trotzdem nie und nimmer diesen Kakerlaken-Scheiß gucken. Ich würde mich schämen.

Tierliebe

Donnerstag, 20. Januar 2011

Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Damit meine ich nicht diese komische dicke Frau gestern beim perfekten Promi-Dinner, die nur am Mosern und Maulen war, was für eine unsympathische, unangenehme Person. Nein, verwirrend ist, dass Fleischkonsum als wahnsinnig cool gilt, Vegetarismus aber auch. Veganismus übrigens nicht, Veganismus ist noch total uncool, das kommt erst, wenn Lisa Simpson sich dazu bekennt. Seit ich mal für Peta gearbeitet habe denke ich verstärkt über den Fleischkonsum an sich nach.

Früher habe ich mir schon zum Frühstück ein vierhundert Gramm schweres Stück Tenderloin reingepfiffen, dazu ein halbes Liter Rinderblut getrunken. Schwer, davon runterzukommen. Tierkonsum ist gesellschaftlich akzeptierter Mord, weshalb es manch einen Zeitgenossen extreme Überwindung kostet, auf den allgegenwärtigen Nutzen zu verzichten. So geht es mir auch. Besonders hinderlich sind meines Erachtens die militanten Fleischverweigerer, die der Menschheit mit Mosern und Maulen in den Ohren liegen. Wenn mir jemand wegen meines Essverhaltens doof kommt, höre ich erst recht weg – so wie die meisten Menschen. Wie bekommt man also die Masse vom Massenkonsum herunter? Von heute auf morgen sicher nicht.

Meiner Meinung nach muss jeder selbst entscheiden, ob er Fleisch zu sich nimmt oder nicht. Moralisch verwerflich finde ich es nicht, schließlich sind Menschen biologisch gesehen Allesfresser. Wer das bestreitet, entzieht sich selbst die Legitimation zur Teilnahme an der Diskussion. Also: Zunächst muss man akzeptieren, dass es Lebewesen gibt, die andere Lebewesen fressen. Dazu gehört auch der Mensch, und hätte er seit Urzeiten nur Hülsenfrüchte und Möhrchen geknabbert, es hätte sicherlich noch drei Millionen Jahre länger gedauert, um den heutigen (zugegeben nicht berauschenden) Zivilisationsstand zu erreichen.

Natürlich kommt jetzt das Aber: Der Mensch hat nicht umsonst ein Hirn entwickelt. Und dieses Hirn schafft heute schon (zwar nicht immer, aber immerhin manchmal), soweit zu denken, dass Tieren nicht mehr Leid zugefügt werden sollte als nötig. Was am Ende nötig ist, entscheidet jeder selbst. Entweder durch vollständigen Verzicht oder durch die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben.

Ich für mich selbst habe festgestellt, dass Vegetarismus nichts für mich ist. Aber ich werde meinen Fleischkonsum um neunzig Prozent reduzieren. Und bevor jetzt irgendwelche Wurzellutscher mir meine letzten zehn Prozent auszureden versuchen: Erstens halte ich ein saftiges Steak als Geisel, und wenn Sie mir dumm kommen, esse ich es! Zweitens: Es ist immer besser, jemand reduziert seinen Fleischkonsum, als überhaupt nicht. Man sollte es ihm nicht madig machen, sonst könnte er (ich) noch denken, alle Vegetarier und Veganer seien unerträglich bigotte, besserwisserische, arrogante, beschränkte Fundamentalisten. Und zu solchen Menschen möchte ja wohl niemand gezählt werden. Guten Hunger.

Nachtrag: So wie das Jahr 2000 das Jahr der Internetanschlüsse in Deutschland geworden ist, könnte das Jahr 2011 das Jahr des Fleischverzichts werden. Zumindest vermitteln mir die Massenmedien diesen Eindruck. Und wenn Lebensmittelskandale wie die Dioxin-Eier zum Überdenken des eigenen Konsum- bzw. Ernährungsverhaltens führen, dann kann ich ihnen durchaus etwas Gutes abgewinnen.

BILD-Boykott in Ottensen

Montag, 17. Januar 2011

Jedes Mal, wenn ich jemanden auf der Straße dieses Schundblatt lesen sehe, möchte ich es ihm entreißen und ihn vor der unendlichen Dummheit dieses Drecks retten. Ein Kioskbesitzer in der Ottenser Hauptstraße hat das Hetz- und Hassblatt aus dem Angebot verbannt. Tja, wer sich vor Sarrazins Karren spannen lässt, hat es sich redlich verdient. Via Affekt.

Zeit, Zeit

Dienstag, 11. Januar 2011

Obwohl die Zeit schon ewig existiert, scheinen die Menschen überhaupt nichts mit ihr anfangen zu können. Es mag daran liegen, dass der Mensch nicht einmal lang genug existiert, um sich vorstellen zu können, wie lang es die Zeit schon gibt. Andererseits existierte die Zeit schon bei der Geburt des ersten Menschen. Wieso also sind wir nicht vorangekommen in all den Millionen Jahren, obwohl manche von uns glauben, ein Leben sei lang und in es viel Raum für fundamentale Veränderungen?

Natürlich komme ich nicht einfach so auf das Thema, und auch ich werde mit gewohnter Kläglichkeit an der Thematik scheitern. Schließlich bin ich weder studierter Philosoph, noch allwissend. Um ehrlich zu sein beneide ich die wenigen Idioten, die sich für unfehlbar halten, behalten sie doch ihr Leben lang ihre eigenen stumpfen Kulissen, bis sie glücklich und zufrieden tot umfallen und in der Unendlichkeit des Nichts verschwinden. Nein. Jeden Morgen fahre ich mit der Bahn zur Arbeit und bemerke sowohl die, die sich ungeduldig in eine Bahn quetschen, als auch die, die sich als Fahrgäste ungeduldig zur Tür wenden, sobald die vorletzte Bahnhaltestelle verlassen ist. Jedes Mal frage ich mich, was sie mit den eingesparten drei Sekunden anfangen. Manche von ihnen steigen aus der Bahn und vertrödeln diese gleich wieder, indem sie unvermittelt stehen bleiben. Dadurch vermiesen sie sich nicht nur selbst ihre eigene Zeitersparnis, sondern auch die aller anderen, hinter ihnen wartenden Mitmenschen.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Ruhrgebiet zurückkehre und mit der Bahn in Hamburg einfahre, bilden sich kurz nach Harburg lange Schlangen vor den Türen. Minutenlang stehen diese Menschen im Gang, starren in die Dunkelheit oder auf den Boden, bevor sich am Hauptbahnhof endlich die Türen öffnen lassen und sie ins Freie treten können. Auch dieses Verhalten erschließt sich mir nicht, obwohl das Phänomen wahrscheinlich schon ewig alt ist. Befürchten diese Leute ernsthaft, dass die Bahn einfach weiterfährt ohne anzuhalten? Oder dass sie sich am Sitz verheddern und den Ausstieg verpassen? Spätestens an der Rolltreppe fahren sie wie Zinnsoldaten aufgereiht nach oben, während ich sie auf der Treppe mühelos überhole.

Ich denke, dem Ganzen liegt ein einfaches Verhaltensmuster zugrunde. Vermutlich denken viele Menschen ernsthaft, je früher sie aufstünden, desto eher kämen sie nach Hause respektive ans Ziel. Was natürlich nicht stimmt. Aber was sie anschließend mit der eingesparten Zeit anfangen, ist zunächst einmal unwichtig. Es geht nur darum zu wissen, dass man sie theoretisch mit wesentlich schöneren Dingen füllen könnte als nur unterwegs zu sein, vor allem mit der Bahn. Genauso wie diejenigen, die bei der Milch zehn Cent sparen, um am Ende für den Fernseher hundert Euro mehr zu bezahlen als nötig.

Im Grunde ist es nur wichtig, die Zeit möglichst sinnvoll für sich und andere zu nutzen, und sie nicht zu einem Spar- und Abnutzungsgut zu degradieren. Einfach mal sitzen bleiben, bis die Bahn steht, dann lässt es sich sowieso wesentlich entspannter aussteigen. Statt im Gang herumzustehen liest man eben noch ein paar Buchseiten mehr. Ob ich mich jetzt zu den Parallelen im restlichen Leben äußern sollte? Ich denke, das wäre reine Zeitverschwendung.

Modekorrektheit oder: Wie wirke ich am besten?

Donnerstag, 06. Januar 2011

Aus Kommentaren unter Online-Zeitungsartikeln wird man schlau, wirklich. Tagtäglich aufs Neue entdecke ich Zeitgenossen mit ausgeprägtem Mitteilungsdrang, zu denen manchmal auch ich gehöre, ich gebe es zu. Der Mitteilungsdrang an sich ist ja nichts Schlimmes, manche werden damit sogar Bundeskanzler. Allerdings entdecke ich sehr häufig zwei Gattungen, die sich auf den zweiten Blick verblüffend ähneln: Auf der einen Seite tummeln sich die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Heuchler, Stichwort Onkel Thilo, auf der anderen die Modekorrekten. Über Erstgenannte gibt es mittlerweile nur noch wenig zu sagen, daher wende ich mich mal den Modekorrekten zu.

Diese Gruppe nervt nicht nur mich. Und würden sie sich an ihre selbst gesteckten Vorgaben halten, ich würde sie verehren und entsprechend würdigen. Aber das Internet ist ein toller Spielplatz, um sich eine Möchtegern-Identität zuzulegen, so dass der Durchschnittsmitläufer plötzlich zum politisch interessierten Rebell („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) oder zum vollendeten Gutmenschen mutiert. Letztgenannte kaufen nur noch bei ihrem Bauern um die Ecke, Fairtrade-Produkte, stricken ihre Pullis gleich selbst und kaufen nur in winzigen Läden ein. Ja, diese Läden, diese winzigen Verkaufsnischen, von multinationalen Konglomeraten in die Mangel genommen, immer wiederkehrende Alibis für den Engel auf Erden von Welt.

Seltsam nur, dass sie wissen, wie New York aussieht (oder ist Air Berlin ein von Oma Edeltraut geführter Kaufladen in Treptow?). Oder wie kommen sie bloß in dieses verschwenderische Internet? Ermüdend, wirklich ermüdend.

Das sind die, die sich über Firmen aufregen, die teilweise Hunderttausende Arbeitsplätze sichern, selbst aber beim BAföG bescheißen und nichts Schlimmes daran erkennen können. Anstatt sich unter Zeitungsartikeln als Gutmenschen zu profilieren, und das sinnigerweise auch noch anonym, sollten sie tatsächlich mal zu Bio-Eiern greifen und die fünfzehn Cent teurere Milch kaufen. Aber dann würde das Geld ja nicht für die Adidas-Sneaker reichen, nicht wahr? Die Welt ist so scheiße, damn.

Das klingt doch wie

Mittwoch, 05. Januar 2011

Ich denke, dass sich jeder, der ernsthaft schreibt, mit dem Thema Schreibstil beschäftigt. Nicht durchgehend, nicht bei jedem Anschlag, aber doch irgendwann zwischendurch, in den schwachen Momenten. Zurzeit beschäftigt mich meiner, obendrein die Frage, wie ich damit verfahren soll. Dazu beigetragen haben zwei Bücher: »So weit die Knie tragen« von Rory Stewart und »Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt« von Orhan Pamuk.

In erstgenanntem erwähnt Stewart in der Danksagung jene, die sein Geschreibsel lesenswerter gemacht haben. Das verdeutlicht, dass der Schreibstil mindestens genauso wichtig ist wie das Erlebte an sich. Außerdem bekommt man ganz nebenbei auch noch mit, dass man trotz fehlenden Schreibstils ein hervorragendes Buch auf den Markt bringen kann. Nun zu Orhan Pamuk, dem türkischen Schriftsteller, Träger des Nobelpreises für Literatur 2006. Spontan habe ich mir das dicke »Istanbul« gekauft, stellte allerdings bald fest, dass es auf relativ schwerem Papier gedruckt ist und nicht einmal fünfhundert Seiten enthält. Unwichtig. Mir gefällt sein Schreibstil, der sich vermutlich im türkischen Original ähnlich anfühlen dürfte, außerordentlich gut. Ich musste mich nicht irgendwie hineinzwängen und -drängen, ganz im Gegenteil. Speziell in diesem Buch fühlt man sich als Leser an die Hand genommen und in die beschriebene Szenerie hineingezogen, wird durch Beobachtungen und Skurrilitäten geführt, ganz selbstverständlich, als schaute man gerade das erste Mal (als Kind) auf frische Entdeckungen, ein wenig überfordert davon, sie zu deuten oder irgendwie zu kategorisieren. Kann ich nur wärmstens empfehlen.

Meinen Schreibstil kennen Sie ja soweit. Nur bin ich mir unsicher, ob ich damit Romane schreiben kann. Natürlich tummeln sich unzählige Romane auf dem Buchmarkt, die vollständig ohne Schreibstil auskommen. Aber irgendwo hat man ja auch einen Anspruch. Mir ist schon klar, dass Orhan Pamuk in einer ganz anderen Liga spielt, aber jedes Mal, wenn ich einen Schreibstil ausprobiert habe, anstatt einfach zu schreiben wie ich schreibe, klangen die Sätze nach diesem und jenem Schriftsteller, nur nicht nach mir. Nun grüble ich darüber, ob mein Schreibstil geeignet ist, bestimmte Szenarien zu generieren. Was die Stimmung angeht, ist er nämlich alles andere als neutral. Ich könnte natürlich auch versuchen, in bestimmten Situationen meinen Stil herunterzuschrauben und mich auf eine nüchterne Beschreibung zu beschränken. Aber wäre es dann noch mein Schreibstil? Darüber werde ich nachdenken, wenn ich mich ans nächste Buchprojekt setze.

Projekte, Projekte

Dienstag, 04. Januar 2011

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen ein frohes neues Jahr. Unzählige Menschen wünschen sich genau das gegenseitig, jedes Jahr aufs Neue. Dabei habe ich gerade im Buch »NEON Unnützes Wissen 2« gelesen, dass jeder Mensch durchschnittlich alle 4 Minuten lügt. Ich glaube zwar nicht, dass das stimmt, denn: wie soll man das hieb- und stichfest messen? Allerdings wünsche ich Ihnen, solange Sie kein Taliban oder so sind, tatsächlich ein frohes neues Jahr. Wirklich. Aber tun Sie selbst etwas dafür, denn von nichts kommt nichts.

So, apropos nichts, die letzten Monate war ich stumm wie ein toter Wal – ich denke, als Japaner darf ich das schreiben –, aber dafür existieren triftige Gründe. Erstens war ich krank, schwer krank – ich denke, als Mann darf ich das schreiben. Zweitens musste ich einen Umzug organisieren, und zwar meinen. Wer jetzt neugierig auf meine alte Wohnung im Hellkamp 56 ist, dem sei gesagt, dass sie sich durch das eine oder andere Manko auszeichnet: Der Boden ist krumm und schief, das Laminat ist längst zerrockt, hat Brand- und sonstige Flecken und ist mindestens dreißig Jahre alt, die Wohnung liegt im Erdgeschoss über einem unausgebauten Keller, es ist kalt und feucht, die Wände sind stark verschimmelt, man heizt mit Nachtspeicher, das Badfenster ist undicht und wird vom Vermieter auch nach mehrmaliger Beschwerde nicht abgedichtet oder ausgetauscht, die Wohnung liegt direkt am Bürgersteig, d.h. es laufen ständig Menschen am Fenster vorbei und es ist sehr laut, der Hauseingang befindet sich direkt neben dem Wohn- und Schlafraum, die Postkästen befinden sich an derselben Wand, an die man das Bett stellen würde, es gibt einige Nachbarn, die ihren Müll in fremde Postkästen stopfen (!) oder in den Flur werfen, der direkte Nachbar brüllt seine Frau/Freundin/Mitbewohnerin an, dass sich seine Stimme überschlägt, der Nachbar über der Wohnung rumpelt und poltert ohne Rücksicht von morgens früh bis spät in die Nacht herum, und der Dachboden ist feucht, weil das Dach undicht ist. Zu allem Überfluss zahlt man fast dreizehn Euro pro Quadratmeter, wenn man Glück hat; ich habe vernommen, dass der Vermieter die Miete erhöhen will. Wer Interesse hat, bitte bei Gladigau Immobilien melden.

Fürs neue Jahr sind noch keine Projekte geplant. Eigentlich wollte ich etwas Großes machen, aber dazu fehlt mir momentan das Geld und die Muße. Als ich noch in der alten Wohnung wohnte, wollte ich permanent weg. Aber die neue Wohnung ist derart schön, dass ich kaum noch vor die Tür möchte. Wenn es mich also irgendwo hin verschlägt, dann nicht für ein halbes Jahr – das mache ich erst, wenn mich der Lagerkoller packt. Aber davon einmal abgesehen, werde ich sicherlich dieses Jahr endlich wieder laufen. Woher und wohin, das entscheide ich dann eher spontan. Außerdem verspüre ich eine stille Lust, nach mehr als zwei Jahren wieder einen neuen Roman zu schreiben, da hat man einfach mehr Kontrolle über die Charaktere als in einem Reisebericht, logisch. Nun denn, dann kann das Jahr ja starten.

Aus dem Abseits

Donnerstag, 25. November 2010

Die zwei Bremer Studenten Niko Schleicher und Dino Bernabeo haben eine Kurzdoku über Homosexualität im Amateur-Fußball veröffentlicht. Sehenswert.

Aus dem Abseits – Ein Film über Homosexualität im Amateurfußball from Dino B on Vimeo.

News for the World

Freitag, 12. November 2010

In Hamburg stürmt es. Der Himmel ist grau, die Elbe rückt uns auf die Pelle, und der Wind pfeift uns um die Ohren. Höchste Zeit zu verschwinden, weit, weit weg. Daran arbeite ich gerade. Ich plane ein enormes Projekt, und dessen Planung erfordert viel Aufwand und noch mehr Zeit. Da ich noch nicht schreiben darf/kann, wie dieses Projekt denn überhaupt aussieht, möchte ich mich auch nicht allzu lange damit aufhalten. Es müssen noch einige Dinge geklärt werden, Anschreiben verschickt, Geld organisiert. Allerdings wird es wieder ein Projekt für die Kindernothilfe, also drücken Sie mir bitte die Daumen, dass alles erfolgreich verläuft.

Bei den Millionentauschern geht es beharrlich voran. Zurzeit versuchen sie, an eine Zeitungs- oder Zeitschriftenredaktion zu kommen, die eine Doppelseite für eine Anzeige anbieten. Dafür würden sie das perfekte Set für den Pausenraum bekommen: einen offiziellen DFB-Kickertisch mit Turniermaßen, eine Nintendo Wii Spielkonsole plus Zubehör für vier Personen plus Spiele. Natürlich können sich auch noch andere Tauschinteressenten melden, beispielsweise mit ihrer goldenen Rolex oder einem echten Marc Chagall.