Archiv für die Kategorie ‘Politik’

Kalifornien, deine Kinder

Montag, 10. Oktober 2011

Edmund Gerald „Jerry“ Brown, Jr. ist ein bemerkenswerter Mann. Nicht, weil er der bis dato jüngste Gouverneur Kaliforniens war, sondern mit seiner zweiten Amtszeit auch der älteste Gouverneur Kaliforniens ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der ja für republikanische Verhältnisse durchaus respektable Ziele verfolgte, raucht er aber nicht nur den ganzen Tag und schwängert irgendwelche Hausangestellten (wie herrlich polemisch ich doch sein kann). Nein, er hat ein wichtiges Gesetz verabschiedet. Der typisch US-amerikanische Name: „Dream Act“.

Demnach werden Kinder illegaler Einwanderer unter bestimmten Bedingungen (die in diesem Artikel nicht genannt werden) mit staatlichen Mitteln gefördert, wenn sie an die Uni wollen. Der texanische Gouverneur Rick Perry (Republikaner) hat ähnliches vor und vergrätzt damit momentan die Ultrarechten in seiner Partei. Aber die haben von Grenzproblemen und Mexiko und dem ganzen Kladderadatsch keine Ahnung, also klammern wir sie mal stumpf aus.

Meine Meinung dazu: Ich bin zwar nicht unbedingt der treueste Freund davon, an der Spitze des Eisbergs herumzukraxeln, während unten die Bombe tickt. Trotzdem finde ich es einfach nur richtig, Potenziale zu fördern, anstatt sie zu ignorieren. Jerry Brown hatte sicherlich nicht einfach nur soziale Interessen im Kopf, als er sich gemeinsam mit seinen Mitarbeitern das Gesetz erdachte. Mit dem Dream Act werden gleich mehrere Probleme gelöst oder zumindest abgemildert:

1.) Ohne Einwanderer wäre die USA ein ziemlich leeres Fleckchen Erde. Sie zu fördern ist eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Besiedlung.

2.) Nutzung der Potenziale, wie bereits oben angerissen.

3.) Rechtzeitige Vermeidung einer Parallelgesellschaft. Mit einer Ausgrenzungspolitik schaffe ich Probleme, wie ich sie hier in Deutschland mit den türkischen Einwanderern geschaffen habe.

4.) Hilfe zur Selbsthilfe. Der Staat schafft stabilere Strukturen unter den zugewanderten Familien, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann selbst Arbeitsplätze schaffen (und nicht wegnehmen, wie Gegner des Gesetzes behaupten) und folgt damit auch wirtschaftlichen Interessen.

Apropos Gegner. Diese weisen auf die Gefahr hin, mit dem Gesetz würde man illegale Einwanderer motivieren, nach Kalifornien zu kommen. Haben sich diese Menschen einmal die Zustände auf den mexikanischen Bahnhöfen oder an den Grenzen angesehen? Die Einwanderer riskieren bereits Kopf und Kragen, im Staat Kalifornien leben 35,9 Prozent Hispanics, ein Viertel aller Kalifornier stammt aus Mexiko (Quelle). Sie fallen von Zügen, verrecken in der Wüste, lassen ihre Familien zurück. Eine Uni-Förderung ist ja schön und gut, aber ich denke nicht, dass auch nur ein einziger Mensch deswegen extra in die USA aufbricht.

Aus den Staaten hören wir immer nur über Abschottungen und Ausgrenzungen. Insofern nehme ich die aktuelle Nachricht wohlwollend zur Kenntnis und bin gespannt, wie sich das Ganze in den nächsten 30 Jahren entwickeln wird. 2041 werde ich dann ein Fazit bloggen, bis dahin empfehle ich, täglich hier vorbeizuschauen.

Strauss-Kahn

Dienstag, 17. Mai 2011

Das Problem an der amerikanischen Justiz ist, dass sie einen Menschen gnadenlos vor aller Augen vernichten. Ohne Urteil, ohne Beweise, ohne Grund.

Geld stinkt nicht

Dienstag, 15. März 2011

Eigentlich weiß jeder, was Sache ist: Rüstungskonzerne liefern an Rebellengruppen, Terroristen, Diktatoren und Drogenkartelle. Natürlich nicht direkt, besonders nicht, wenn diese Unternehmen in Deutschland ansässig sind. Aber über Umwege stellt es kein Problem dar, Mexikanische Drogenbanden mit Heckler-&-Koch-Waffen auszustatten. Es geht um Milliarden. Und um Millionen Tote. Möchte zu gerne wissen, wie man als Mitarbeiter bei einem Rüstungskonzern nachts noch ruhig schlafen kann.

Hier ein lesenswerter Artikel bei Zeit Online.

Kristallisierter Unsinn

Freitag, 10. September 2010

Um mal eines vorweg klarzustellen: Niemand wird dumm. Weder die Menschheit, noch unsere Gesellschaft, noch die Migranten hierzulande. Vor einigen Jahrhunderten wollte das Volk solche Verrückten wie Galileo Galilei erhängen (oder köpfen?), heutzutage könnte sich nur eine Minderheit für solch einen Vorschlag begeistern. Das Problem ist, dass die meisten von uns unsere Bildung für eine selbst vollbrachte Leistung halten – wahrscheinlich, weil wir uns noch an das anstrengende Lernen erinnern. Allerdings sammeln wir ja in wenigen Jahren respektive Jahrzehnten lediglich tausende Erkenntnisse tausender Köpfe aus tausenden von Jahren auf. Geleistet haben die meisten von uns soweit überhaupt nichts.

Den Großteil unserer Eindrücke gewinnen wir durch die Massenmedien, die tagtäglich um uns herumschwirren und uns mit Belanglosigkeiten bombardieren (die uns nebenbei bemerkt im Alltag nicht weiterhelfen). Kommen wir also zu dem armen Irren in Florida, der morgen ein paar Koran-Ausgaben verbrennen möchte. Abgesehen davon, dass ich als Anstifter hinter der ganzen Geschichte BP vermute, die nun damit höchst erfolgreich von ihrem totalen Bohrloch-Desaster ablenken, habe ich mir Gedanken über das Motiv gemacht. Als bekannt wurde, dass in Bagdad und in Guantánamo US-Soldaten auf Koran-Ausgaben gepinkelt haben, wurden ein paar zig Menschen in die Luft gesprengt. Wo liegt der Irrsinn? Dass man auf Koran-Ausgaben pinkelt? Oder dass man Leute in die Luft sprengt?

Die Antwort lautet: an beiden Stellen. Für uns mag es übertrieben klingen, in Afghanistan Raketen auf US-Konvois abzufeuern, weil in Guantánamo John Sowieso auf eine Koran-Ausgabe gepinkelt hat. Und klar, es ist übertrieben, ein Wahnsinn, total dämlich, im Jenseits wartet nicht mal eine einzige Jungfrau, Jungfrauen warten nicht auf stinkende, wahnsinnige Terroristen, die mit verstörend irrem Blick über heilige Kriege brabbeln. Allerdings ist es auch nicht besonders clever, den Koran zu verunglimpfen. Für uns aufgeklärte Menschen mag es scheißegal sein, ob ein Koran oder eine Bibel in Flammen aufgeht (wobei das Bild brennender Bücher ein flaues Gefühl in uns hervorrufen sollte!), denn leider gibt es keinen Gott und keine Propheten und DIE Wahrheit, aber den Gläubigen dieser Welt, die keinen anderen Halt im Leben haben, sollte man den Glauben lassen. Ja. Wir haben weder die Aufgabe noch die Pflicht, jeden schlafenden Geist zu wecken und jeder Person die Evolution nahe zu bringen. Wir müssen auch nicht die Kinder der USA davor bewahren, dass ihnen der Kreationisten-Bullshit ins Hirn geballert wird. Wer in Unwissenheit versinken möchte, sollte auch alle Möglichkeiten dazu bekommen; wie trist wäre eine Welt voller aufgeklärter Superhirne?

Der Lauf der Geschichte zeigt uns doch, dass jede Bewegung bald eine Gegenbewegung hervorruft. Die letzten Jahre waren liberal, nun darf wieder auf uns Migranten herumgehackt werden. Die Klugen (also alle, die die Bild nicht für eine seriöse Zeitung halten) ändern ja jetzt nicht ihre Überzeugungen, die werden weiterhin auf unserer Seite stehen. Dass die Masse immer von A nach B (sprich von der NPD zur Linken und wieder zurück) schwappt ist weder zu vermeiden noch vermeidenswert. Es gilt einzig, die Schwingungen, Schwankungen und Ausschläge erträglich zu halten, heißt, diesem Pastor eins auf die Mütze zu geben und den Terroristen die Waffen wegzunehmen. Denn solange keine Unbeteiligten dabei draufgehen, dürfen die Dummen so dumm sein wie es nur irgend möglich ist.

Soll ich spenden, und wenn ja, wem?

Montag, 23. August 2010

Frei nach Richard David Precht, sozusagen, habe ich es mir einmal erlaubt, eine recht verbreitete Frage umzuformulieren. Viele Menschen, vielleicht auch Sie, stellen sich eben die Frage: Wem soll ich mein Spendengeld anvertrauen? Bringt spenden überhaupt etwas? Auch ich habe mir diese Fragen gestellt, und sie sind leider nicht eindeutig zu beantworten.

Zunächst einmal widme ich mich der Frage, ob man überhaupt spenden sollte. Seien wir mal ehrlich, viele von uns leben im Überfluss. Im Restaurant bestellen wir mehr als wir essen können, wir kaufen Klamotten, weil wir »das in der Farbe noch nicht haben«. Wir nehmen uns ein Taxi, um zehn Minuten Zeit zu sparen und werfen Pfandflaschen in den Müll. Nicht jeder macht alles, aber fast alle machen vieles davon. Klar verdiene ich mir mein Geld mit meinen eigenen Händen, aber das ist nur möglich durch den unglaublichen Zufall, dass ich in Deutschland geboren wurde und nicht in Äthiopien. Ich habe weder die Straßen gepflastert, auf denen ich mich bewege, noch die Schulen gebaut, in die ich gegangen bin. Wer hier also mit dem Argument kommt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dem kann ich nur entgegnen: Sie haben leider nicht den blassesten Schimmer von der Realität.

Heute las ich auf Zeit Online einen Kommentar zum Thema Spenden und Katastrophenhilfe. Unter anderem steht da:

»Was wir brauchen, ist ein tragfähiges globales Hilfsnetzwerk. Dieses Netzwerk muss auf der Zusammenarbeit von multilateralen, bilateralen, regionalen und nationalen Einrichtungen und Initiativen beruhen. Es muss gut analysieren und mit politischem Gespür schnell reagieren. Wenn die Grundlagen der Entwicklung eines Landes durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört worden sind, kann adäquate humanitäre Hilfe den Grundstein für raschen Wiederaufbau legen und dazu beitragen, dass die Krise nicht zu politischen Zwecken ausgenutzt wird.«

(Quelle: zeit.de, 23.08.2010)

Ehrlich gesagt sträuben sich mir bei solchen Zeilen die Nackenhaare. Abgesehen davon, dass auch ein globales Netzwerk das politische Ausnutzen von Katastrophen niemals verhindern könnte, würde man mit einem solchen humanitären Auffangsystem den Politikern dieser Welt einen Freifahrschein zum Versagen ausstellen. Nichts anderes geschieht doch tagtäglich, nur dass die Hilfsorganisationen überall in der Welt das Versagen der Politik auffangen. Ein übergeordnet installiertes System hätte den Charakter eines Super-Airbags, und wir wissen ja, dass ein Fahrer riskanter fährt, je mehr Sicherheitssysteme in seinem Fahrzeug stecken.

Wenn wir uns also das Blaue vom Himmel herunterwünschen könnten, dann würde ich mir mehr Manpower und mehr Hirnmasse wünschen. Spendengelder allein helfen nicht hundertprozentig, da gebe ich dem Artikel Recht – auch wenn ich betonen möchte, dass sie vieles erst ermöglichen. Mehr Manpower bedeutet für mich, sich selbst zu engagieren. Nicht jeder kann es sich erlauben, aber viele. Und mit mehr Hirnmasse meine ich zweierlei: Erstens kann sich jeder Gedanken drüber machen, was er zu einem besseren Leben eines anderen Menschen beitragen kann, im Großen (Katastrophen, global) wie im Kleinen (Alltag, Mitmenschen). Zweitens die Abschaffung irrsinniger Bürokratie, die Organisationen daran hindern, schnell zu helfen. In Haiti hat gerade erst der Zoll Organisationen wie der Kindernothilfe wahnsinnig dumme Probleme bereitet. Vor einiger Zeit wollte eine Gruppe von Banditen als Hilfsgüter getarnte Schmuggelware durch den Zoll schleusen. Deshalb fanden die dummen Zöllner (ich hatte es ja auch mal mit welchen zu tun), dass es eine gute Idee wäre, Maschinen wie Bagger (!) für den Wiederaufbau am Zoll festzuhalten. Könnte ja Schmuggelware sein, so ein Bagger von der Kindernothilfe. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein.

Kommen wir nun zur ursprünglichen Frage zurück: Wer soll mein Geld bekommen? Jeder hat so seine Prioritätenliste. Es gibt Leute, die Tiere über alles lieben und deshalb für Organisationen wie WWF oder Peta (für die ich ebenfalls mal als Texter gearbeitet habe) spenden. Dann gibt es Menschen, die irgendein Land bereist und einen Bezug dorthin hergestellt haben. Die spenden dann für die Äthiopienhilfe, für ein Kinderhilfsprojekt in Rumänien oder für Straßenkinder in Brasilien. So könnte man es ewig weitertreiben, allerdings gibt es viele Menschen, die können sich einfach nicht entscheiden. Und da komme nun ich ins Spiel, denn ich stand vor einigen Jahren genau vor diesem Problem. Zunächst einmal muss man sich eingestehen: Man kann nicht allen gleichermaßen helfen. Nicht einmal der reichste Mensch der Welt kann das, und frecherweise nehme ich einfach mal an, dass Sie sich jetzt nicht angesprochen fühlen.

Also muss man sich überlegen: Welche Argumente sprechen für die Organisationen? Wo liegen meine höchsten Prioritäten? Was macht in meinen Augen am meisten Sinn? Einfaches Beispiel: Ich bin der Meinung, dass eine bessere Welt nur durch aufgeklärte, gebildete Menschen entstehen kann. Ungebildete Menschen können sich und andere nicht ernähren, verhüten nicht, kümmern sich nicht um die Umwelt und lösen Konflikte mit Waffen. Daher lege ich meinen Schwerpunkt auf Bildungsprojekte. Damit finanziere ich nicht nur einige Schulbücher und Lehrer, sondern im Idealfall eine positive Kettenreaktion. Vielleicht trage ich am Ende mit einem recht geringen Betrag dazu bei, dass jemand ein hervorragender Bauer wird und hundert Menschen ernährt.

Vielleicht bin ich ja etwas naiv, aber wir sitzen mit unseren verdammten Ärschen im selben Boot namens Erde, und das Boot ist bereits ziemlich im Arsch. Überall sickert es in den Rumpf, und der Motor ist auch nur noch am Qualmen wie Rudi Assauer. Natürlich könnten wir warten, bis der Kahn absäuft, aber ganz ehrlich: Da hab ich keen Bock drauf.

Hiroshima

Dienstag, 03. August 2010

Da ich nächstes Jahr etwas vorhabe, was alles bisher dagewesene nicht in den Schatten stellt (dazu bald mehr), und ich mich mit Japan beschäftigen werde, möchte ich einen interessanten Artikel über den Atombombenabwurf über Hiroshima verlinken. Und es gibt immer noch Leute, die die Atombombenabwürfe für richtig halten. Ich kann das gerne dementieren: Nein, waren sie nicht, sind sie nicht, und sie werden es auch niemals sein.

Sturmangriff an der Zeitungsfront

Mittwoch, 07. Juli 2010

Die taz berichtet hier über von der NPD finanzierte Lokalzeitungen in Thüringen. Das Problem: Die Bürger interessieren sich häufig für Lokalnachrichten, möchten dafür aber keinen Cent ausgeben. Geld ist praktisch, wenn man es hat. Allerdings können sich durch es auch ganz verzwickte Situationen ergeben, wie nun dort in Thüringen.

Nicht jeder Leser, der eines dieser braun gefärbten Blätter liest, ist ein Nazi. Aber der Zweck, in dem Fall die kostenlose Zeitung, heiligt die Mittel. Dass sich die NPD und die JN auf kommunaler Ebene mit demonstrativer Bürgernähe und Engagement in bestimmten Regionen (besonders im Osten Deutschlands) ein gewisses Maß an Duldung, wenn nicht sogar Sympathien erarbeitet haben, ist bekannt. Bürgerinitiativen, Nachhilfeangebote und ehrenamtliche Tätigkeiten bei der Feuerwehr oder im Sportverein – auch da scheint der Zweck die Mittel zu heiligen.

Mäßiger Bildungsgrad, mäßiger Antrieb, sich selbst zu engagieren, mäßige Hilfe von der Politik, all das spielt den Rechten ausgezeichnet in die Hände. Was den letzten Punkt betrifft: Ein faires, stabiles Steuersystem und die Unterstützung finanziell schwacher Menschen würden vielen braunen Aktivitäten den Nährboden entziehen. Am Ende zehren die Ewiggestrigen vom Versagen der Politik und der Naivität der Nazi-Dulder, die nichts aus der Geschichte gelernt haben und jemals lernen werden. Wenn man den Leuten etwas vorwerfen kann, dann die mangelnde Sensibilität gegenüber braunem Gedankengut. Klar, die Nazis haben Juden vergast, aber immerhin kümmern die sich um die Jugendlichen im Fußballverein. Man selbst ist ja kein Jude. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Deutschland den Undeutschen

Sonntag, 04. Juli 2010

In Berlin-Neukölln hat sich ein bizarrer Fahnenstreit entwickelt. Mobilfunkhändler Youssef Bassal, ein gebürtiger Libanese, hat eine etwa siebzehn mal fünf Meter große Deutschland-Fahne an die Hausfassade gehängt. Schon machen ihm Linksautonome das Leben schwer. Die erste Riesenfahne wurde gestohlen, die zweite angezündet, nun hängt die dritte, und Youssef und die anderen Fußballfans aus der Nachbarschaft sind bereit, sie zu verteidigen. »Für uns ist das Schwenken von Fahnen kein unpolitischer Akt, sondern ein Rückfall in Territorialdenken und das Pflegen von nationalistischen Ressentiments«, zitiert BamS-Reporterin Katharina Nachtsheim einen Linksautonomen. Allein schon diese Aussage disqualifiziert den Zitierten in jeglicher Hinsicht. Zunächst einmal beginnt er mit »für uns«. Aha. Dass seine Ansicht Herrn Bassal aber nicht interessiert und dieser letztendlich auch nicht zu teilen hat, ist dem vermummten Monsieur wohl noch nicht aufgefallen? Dass diese paar schwarz gekleideten Kinder, die nachts Fahnen klauen, anstatt etwas Produktives zur Verbesserung der Welt beizutragen, lieber Anarchie haben wollen, ist mir schon klar. Dass Anarchie nicht funktioniert, zumindest nicht mit der Spezies Mensch, sollte einen der gesunde Menschenverstand vermitteln.

Aber darum geht es erst einmal nicht. Die Linksautonomen, die den Vorzeigeeinwanderern die Fahne vom Haus klauen, wollen keinen Staat. Sie sind auch nicht homogen, ganz im Gegenteil. Allein schon intellektuell sind die Schwankungen in der linksautonomen Szene enorm. Ausgehend aus dieser mal mehr, mal weniger cleveren Masse werden Polizisten angegriffen, Autos angezündet und Schaufensterscheiben eingeworfen. Es verwundert mich geradezu, wieso die Linksradikalen denken, die Erfolge der Fußballnationalmannschaft würden Nazis und nationalistische Ressentiments stärken. Gerade das aktuelle WM-Team, besetzt mit elf Spielern mit Migrationshintergrund, sorgt doch dafür, dass in Deutschland Deutsche und Einwanderer gemeinsam feiern. Und noch ein schöner Effekt tritt ein: Die Rechtsradikalen können die Erfolge der Nationalmannschaft nicht mehr instrumentalisieren, ganz im Gegenteil. Sie kommen teils in arge Erklärungsnot, was ihre Theorien der überlegenen arischen Rasse betrifft. Es freut mich sehr, mir vorzustellen, wie draußen die Deutschen ihre Deutschlandfahnen schwenken, während drinnen der vereinsamte, blasse Nazi Özil, Klose und Podolski beim Jubeln zugucken muss.

Aber so sind Radikale nun einmal, ob rechts oder links. Irgendwas ist immer schlecht, und wenn etwas gut ist, wird es schlecht gemacht. Dauernörgler, die sich nicht einfach mal für etwas freuen können, was viele Menschen erfreut, allein aus dem Grunde, dass es viele Menschen erfreut und nicht nur zweihundert schwarz gekleidete Negativvisionäre, sollten ernsthaft überlegen, ob ihre politischen Ziele nicht einer dringenden Überarbeitung bedürfen.

Aus aktuellem Anlass

Samstag, 03. Juli 2010

Frisch gewählt ist er, unser neuer Bundespräsident. Doch bevor sich Christian Wulff beweisen darf, möchte ich hier noch einmal ausdrücklich die Verdienste von Horst Köhler würdigen. Und zwar mit diesem Liebeslied:

Neues von den Millionentauschern III

Donnerstag, 01. Juli 2010

Angesichts des Hickhacks um die vierzehnte Bundesversammlung könnte man meinen, die Politiker würden auch noch den allerletzten Rest Grundvertrauen in die Demokratie leichtfertig verspielen. Nach der Durchsicht zahlreicher Kommentare unter den unterschiedlichsten Artikeln zur Wahl des zehnten Bundespräsidenten dieses wunderbaren Landes kann ich jedoch keine Politikverdrossenheit erkennen. Natürlich, viele Menschen beschweren sich über die taktischen Manöver, mit denen die Parteien versuchen, allein ihre Interessen durchzusetzen. Aber letztendlich wählt man eine Partei ja, damit sie überall und zu jederzeit ihre Interessen durchsetzt, und nicht, damit sie permanent Kompromisse eingeht. Außerdem wundere ich mich sowieso, wieso sich die öffentliche Meinung gegen die aktuelle Regierungskoalition richtet. Schließlich agiert sie exakt so, wie man es von ihnen erwartet hat. Seien wir mal ehrlich: Viele Menschen, die bei der letzten Bundestagswahl für die Union gestimmt haben, haben in erster Linie Angela Merkel gewählt, die Frau mit den lustigen Jubelattacken bei der WM und den bunten Jäckchen. Wer die FDP gewählt hat, sieht und merkt hoffentlich nun, was er angerichtet hat. In jedem Fall debattierten die Kommentatoren unter den Zeitungsartikeln kontrovers und energisch, ein kleiner Hauch Interesse an der Politik scheint also noch zu existieren. Puh.

Gestern geriet ich in einen kurzen, aber bemerkenswerten Disput mit einer Bekannten. Diese bemängelte die aktuelle Bundespolitik aller Parteien und warf den Volksvertretern vor, sie wären alle gleich, alle nutzlos und sowieso alle scheiße. Deshalb interessiere sie sich auch nicht für die Wahl des Bundespräsidenten, der eh nichts bewegen könne. Bei so einer Aussage sträuben sich mir die Nackenhaare. Und deshalb war der Disput ja auch kurz, ich musste leider arbeiten und konnte mich nicht auf eine Grundsatzdebatte zur Notwendigkeit der Demokratie einlassen, besonders nicht mit einer Person, der man so etwas überhaupt erklären muss. Mir sind die Politikverdrossenen schlichtweg egal, nur sollten sie sich nicht beschweren, wenn ihnen der Staat auf den Zeiger geht. Zunächst einmal kann der Bundespräsident sehr wohl einiges bewegen, wie zahlreiche Persönlichkeiten von Theodor Heuss bis Horst Köhler bewiesen haben. Oder will man einem Richard von Weizsäcker die Notwendigkeit und Wichtigkeit seiner Bundespräsidentschaft absprechen? Zum einen besitzt der Bundespräsident als Staatsoberhaupt ein außenpolitisches Gewicht, was besonders bei der Aussöhnung zwischen Deutschland und den ehemaligen Kriegsgegnern und/oder -opfern zum Tragen kommt. Zum anderen kann er sich innenpolitisch immer wieder einbringen, und zwar über alle Parteigrenzen hinweg. Ohne einen Bundespräsidenten hätten die Bürgerinnen und Bürger häufig nicht die Stimme, die letztendlich die Brüche zwischen uns, unserem Leben, der Gesellschaft an sich und der abstrakten Politikerkaste bildet.

Hier kritisiere ich auch Horst Köhler, der sich leider nicht die Gelassenheit bewahren konnte, die ihn erfolgreich durch die zweite Amtszeit getragen hätte. Denn obwohl er häufig von Politikerkollegen kritisiert wurde, genoss er beim Volk großes Ansehen. In einer Demokratie liegt die Macht beim Volk; auch wenn viele der Meinung sind, es stimme nicht. Doch, es stimmt! Wenn Ihnen der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen genauso wenig passt wie die aktuell beschlossenen Sparmaßnahmen zur Haushaltskonsolidierung, die zulasten sozial schwacher geht und alles andere als gerecht ist (mir bleibt es schlichtweg schleierhaft, wie sich so ein CDU-Politiker ernsthaft im ARD Morgenmagazin hinstellen und das Gegenteil behaupten kann, ohne rot zu werden), dann wählen Sie die aktuelle Regierung einfach ab. Ganz einfach. Und wenn Sie der Meinung sind, die anderen wären doch genauso schlecht, dann wählen Sie einfach die Tierschutzpartei. Oder informieren Sie sich in den großen Zeitungen des Landes (F.A.Z. oder Süddeutsche, nicht die Mopo oder die Bild) und schauen Sie einfach, wer zuletzt mal was Richtiges getan hat. Hinter Horst Köhler stand das möchtige Volk, das Wahlvolk, somit hätte er als starker Präsident die letzten vier Jahre seiner Amtszeit die Politiker auf Trab halten können. Die Chance hat er leider versäumt.

Nun möchte ich einmal mehr betonen, dass die Demokratie und die Freiheit, die wir genießen, ein großes Glück sind. Ich lese gerade das Buch »Russland – Das wahre Gesicht einer Weltmacht« vom langjährigen Chef des Moskauer ARD-Studios Thomas Roth. Natürlich erleben wir in Deutschland auch behördliche Willkür, Machtmissbrauch, Korruption und Steuerverschwendung. Und natürlich müssen diese inakzeptablen Punkte weiter verfolgt, aufgezeigt, aufgeklärt und ausgemerzt werden. Aber zu viele Mitbürger tun geradezu so, als würden wir in einem Horrorstaat leben, unvermeidlich dem Niedergang geweiht. Das ist Quatsch. Während in fernen (und nahen) Ländern dieser Welt sich Militärs an die Macht putschen, Oppositionelle verfolgt und ermordet, Vergewaltigungsopfer wegen Sex vor der Ehe gesteinigt werden, leben wir seit fünfundsechzig Jahren mehr oder weniger in Frieden. Bevor also der Durchschnittsbürger, der noch nie eine Bombe oder einen Schuss hat fallen sehen, aufschreit, in welch schrecklichem Zustand sich die Republik befindet, sollte er sich als mündiger Bürger an der Demokratie beteiligen (ob durch den Stimmzettel oder durch eine Sitzblockade des Rathauses) und sie nicht in Frage stellen.

Nach so viel Ernsthaftigkeit möchte ich Ihnen zeigen, wie Millionentauscher Roman versucht, dem frisch gewählten Bundespräsidenten eine Flasche Schampus anzudrehen: