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Wie ich vor dem Twitter-Support eine Rede hielt

September 14th, 2015 Posted by Politik 2 comments

Über den Twitter-Account @HBF_Vie wird in Wien Hilfe für geflüchtete Menschen organisiert. Dieser Tage meldete ich an den Twitter-Support einen Fake-Account, der sich für diesen Account ausgab. Daraufhin folgte die Bitte von Twitter an mich um einen Identitätsnachweis:

Hallo,

vielen Dank für Deine Meldung zu einem Identitätsbetrug auf Twitter.

Unsere nächsten Schritte:
Zuerst müssen wir Deine Identität überprüfen. Unten stehend findest Du Anweisungen und einen Link zum Hochladen einer Kopie Deines gültigen amtlichen Lichtbildausweises. Anschließend prüfen und bearbeiten wir Deine Meldung. Wir können Deine Meldung erst dann bearbeiten, wenn wir die Dokumente erhalten haben.

Hier meine Antwort:

Lieber Twitter-Support,

in Wien kämpfen engagierte freiwillige Helfer für eine menschenwürdige Behandlung und Unterbringung von Geflüchteten. Letztere sind Menschen, die Dinge erlebt haben, die Sie und ich wahrscheinlich und zum großen Glück niemals erleben mussten. Erstere nutzen Twitter, um schnell und unbürokratisch Hilfe zu organisieren. Wie gesagt: Hilfe für Menschen, denen unvorstellbares Leid widerfahren ist. Die Familienmitglieder haben sterben sehen. Die ihr Hab und Gut verloren haben. Ihre Häuser, Möbel, ihre warmen Betten, ihre Fotoalben mit Erinnerungen an die Kindheit, ihre Nachbarschaft, Freunde. Können Sie sich das vorstellen? Tun Sie’s. Twitter, Ihr Produkt, leistet in diesen Tagen Großartiges. Menschen finden sich über Hashtags wie #trainofhope und #refugeeswelcome zusammen, um Mitmenschen zu zeigen, dass diese nicht allein sind. Mit Nahrung, Hygieneartikeln, Decken und Kleidung, mit Kuscheltieren und – vielleicht am Wichtigsten – mit Nächstenliebe.

Der Account @HBF_VIE geht mit bestem Beispiel voran. Er informiert, wenn irgendwo akut Hilfe benötigt wird. Und dann kommt irgendein Verlierer daher, der vor Menschenhass nur so triefen muss, kopiert den Account und verteilt falsche Meldungen. Wimmelt Hilfe ab, fordert absurde Dinge an, stört hilfsbereite Menschen bei ihrer anstrengenden Arbeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die letzten Tage ohne Bezahlung rund um die Uhr Hilfe organisiert. Sie hätten traumatisierte Kinder weinen sehen, von Albträumen geplagte Frauen und Männer getröstet, Geschichten gehört, die Sie nur aus den schlimmsten Nachrichten kannten. Sie hätten ein wenig Hoffnung geben können, ein Lächeln hier, ein ehrliches Danke dort. Und dann sehen Sie, wie ein Hasser Ihre Anstrengungen untergräbt, sich über Sie lustig macht, Ihr Engagement ins Lächerliche zieht. Wie fänden Sie das?

Und jetzt fordern Sie von mir einen Identitätsnachweis. Sie wollen wissen, wer ich bin, bevor Sie darüber nachdenken, einen menschenverachtenden Account zu sperren. Wenn Sie sich das alles bis hierher in Ruhe durchgelesen haben, werden Sie merken, dass Sie Ihre Moderation dringend überdenken sollten. Sie müssen es nicht, schließlich ist es Ihr Produkt, Ihr Unternehmen. Aber wir leben in Zeiten, in denen jeder Mensch seinen Beitrag leisten kann, um etwas Menschlichkeit in diese Welt zu bringen. Die einen schleppen in Wien am Hauptbahnhof Kisten und Tüten, ohne einen Cent zu verlangen. Die anderen könnten Sie sein, indem Sie diesen Menschen Ihre Unterstützung und Ihren Schutz geben. Schutz vor Troll- und Hass-Accounts wie @HBF__VIE (mit 2 Unterstrichen), den Sie jetzt endlich gesperrt haben.

Wenn Sie unbedingt wissen möchten, wer ich bin, rufen Sie mich doch gerne mal an – meine Nummer haben Sie ja.

Mit freundlichen Grüßen

Maori Kunigo

Erste Wahl

September 23rd, 2013 Posted by Politik No Comment yet

Über zweiunddreißig Jahre lang haben fremde Menschen mein Leben beeinflusst. Es wurde also höchste Zeit, dass ich den Spieß umdrehe. Witzigerweise werden die Bundesparlamentarier auch Volksvertreter genannt. Den Willen, dem Wortsinn gerecht zu werden, möchte ich nicht allen absprechen. Aber bei dem einen oder anderen bemerkt man nach einer Weile eine gewisse Realitätsferne, die an Arroganz grenzt.

Nun ja. Wählen also. In vielen Ländern schießen sich Menschen Raketen um die Ohren, um irgendwann einmal dieses Recht wahrnehmen zu können. Hierzulande meinen immer noch fast dreißig Prozent der Wahlberechtigten, dass gute Politik eine Sache der Politiker wäre. Denen gönnt man fast schon eine Kanzlerin wie Angela Merkel – weil sie es nicht anders verdient haben.

Ich jedenfalls habe mich sehr gefreut, meine Vertreter auch mal selbst wählen zu dürfen. Dass die wenigsten meiner neuen Landsleute sich wirklich mit den Programmen der Parteien beschäftigt haben – geschenkt. Das ist in jedem Land dieser Welt so. Und dass eine Rentenvernichtungspartei die meisten Stimmen von Senioren bekommt, ist doch irgendwie typisch deutsch.

Eine weitere Erkenntnis des gestrigen Wahlabends: Vielleicht folgt in Kürze meine zweite Bundestagswahl – bei den aktuellen Sitzanteilen sind Neuwahlen nicht ausgeschlossen.

Gauck in Oradour-sur-Glane

September 5th, 2013 Posted by Politik No Comment yet

Das französische Dorf Oradour-sur-Glane taucht dieser Tage häufiger in den Medien auf. Grund dafür ist der Besuch des Bundespräsidenten. Ich kannte die Geschichte von Oradour schon vorher, aber leider nur durch Zufall. In der Waldorfschule haben wir nichts über diesen Ort gelernt, zumindest nicht in dem Maße, dass etwas hängen geblieben wäre.

Ich kann nur hoffen, dass sich das inzwischen geändert hat.

Jörg-Uwe Hahn denkt über Asiaten nach

Februar 8th, 2013 Posted by Politik No Comment yet

In Hessen tobt der Wahlkampf. Zwar wird erst im Herbst der neue Landtag gewählt, trotzdem scharren die Parteien bereits jetzt mit den Hufen. Da wundert es nicht, dass der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (56, FDP) schon im Februar auf Bühnenpräsenz bedacht ist. Etwa mit einem Interview, das er der Frankfurter Neue Presse gab.

Eigentlich sollte es nach dem ganzen FDP-Bashing in letzter Zeit endlich um Inhalte gehen, etwa um den Länderfinanzausgleich oder um die politischen Ziele der Hessen-FDP bis zum Wahltermin. Das Interview lief unaufgeregt und routiniert ab, bis sich Hahn zu einer seltsamen Äußerung über den eigenen Parteichef hinreißen ließ:

„Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.“

Auch innerhalb des Kontextes betrachtet wirft der Satz Fragen auf, die ich von den anwesenden Redakteuren der FNP gestellt gesehen hätte. Denn diese Aussage ist dermaßen missverständlich formuliert, dass Hahn damit rechnen musste, in eine Rassismus-Diskussion hineingezogen zu werden. Ein Privatmensch darf in gewissen Umfängen ungestraft meinen, so viel und unbequem er möchte. Aber ein Politiker, noch dazu ein FDP-Mann aus der Führungsriege, muss gerade bei solchen Themen zumindest in dem Maße hieb- und stichfest formulieren, dass die Opposition und alle FDP-Hasser nicht auf die Rassismuskeule zurückgreifen können.

Hahn meinte mit der Aussage, dass sich auch rassistische Tendenzen in unserer Gesellschaft durchaus auf Wahlergebnisse auswirken können. Keinesfalls wollte er damit die Kompetenz des Vizekanzlers in Frage stellen, so seine Reaktion auf die breite öffentliche Empörung. Aber wieso thematisiert er dann Röslers Herkunft überhaupt? Er wüsste gerne, ob die Gesellschaft so weit ist. Und wenn nicht, was dann? Was wäre die Konsequenz? Den asiatisch aussehenden Vizekanzler abzusetzen, um auch für Rassisten wählbar zu sein? Oder schiebt er die Verantwortung für eine eventuelle Wahlniederlage schon jetzt auf das Volk, das ja so latent rassistisch ist, dass es die Hessen-FDP wegen des asiatisch aussehenden Vizekanzlers für nicht wählbar hält?

Nächste Woche werde ich meinen Einbürgerungsantrag stellen. Wenn alles gutgeht, bin ich in etwa sechs Monaten ein deutscher Staatsbürger japanischer Herkunft. Wie viele von euch wissen, verdiene ich mein Geld als deutschsprachiger Werbetexter bei GROSSE LIEBE in Hamburg. Niemand aus der Geschäftsführung, aus der Kundenberatung oder aus der Kreation, kein einziger Kollege, keine einzige Kollegin würde auf die Idee kommen zu sagen: „Bei Maori Kunigo würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Kunden schon so weit sind, einen asiatisch aussehenden Texter auch noch länger zu akzeptieren.“ Ich wäre wohl verständlicherweise stinksauer.

Wie man es dreht und wendet, Hahn hat sich selbst und der FDP mit seiner undurchdachten Aussage keinen Gefallen getan. Außer Stefan Raab, der sich in der ersten Ausgabe seiner neuen Politshow mit einem rassistischen Witz über Rösler amüsierte, habe ich bisher keinerlei Aussagen darüber vernehmen können, dass irgendjemand ein Problem mit Röslers Aussehen hätte. Wir leben in einem Land, das an der Spitze des Staates eine Bundeskanzlerin, eine Frau, und einen Bundespräsidenten, einen Mann, vorweisen kann. In unserer Hauptstadt regiert ein homosexueller Bürgermeister, unser Finanzminister sitzt im Rollstuhl. Unsere Gesellschaft ist nicht dort, wo sie sein müsste. Aber sie ist definitiv weiter als Jörg-Uwe Hahn.

Falsch bleibt falsch

März 29th, 2012 Posted by Politik No Comment yet

Todesstrafen sind archaisch, primitiv, wirkungslos und moralisch verwerflich. Trotzdem fühlen sich führende Industrienationen wie Japan, die Vereinigten Staaten oder China dazu legitimiert, Menschen umzubringen.

Immer, wenn alte Männer über Frauenprobleme reden (Kirche und Schwangerschaftsabbruch), denke ich: Das könnt ihr doch nicht beurteilen. Auf die Todesstrafe übertragen bedeutet das, dass ich vielleicht anders denken würde, hätte so ein kranker Verbrecher meine Tochter vergewaltigt und umgebracht. Aber grundsätzlich, so aus rein philosophischer Sicht, ist die Todesstrafe keine gute Tat. Zudem sehen wir doch, dass die vielzitierte abschreckende Wirkung völlig ausbleibt. Wenn deine Bevölkerung verarmt, kannst du als Staat doch nicht mit Todesstrafen Diebstähle verhindern. Wer an eine solche Logik glaubt, kauft auch die Postille mit den vier großen Buchstaben.

Insofern wundert es mich doch sehr, dass in Japan nun drei Hinrichtungen vollstreckt wurden. Klar möchte ich für jemanden, der wahllos fünf Menschen erstochen hat, keine Steuern zahlen. Eine lebenslange Unterbringung kostet ja auch was, und hat jemand, der fünf Menschen erstochen hat, nicht längst das Recht auf sein eigenes Leben verwirkt? Vielleicht. Aber wer gibt mir als Mitmensch das Recht, Mord mit Mord zu bestrafen? Ich kann doch nicht sagen, dass es falsch ist jemanden umzubringen, und diesen Menschen dann umbringen. Der Unterschied, dass die einen unschuldig waren, während die Hingerichteten in den aktuellen Fällen eindeutig schuldig (ein großer Unterschied zu den USA, wo ziemlich wahllos und prinzipiell hingerichtet wird), ändert moralisch nichts daran. Denn, das habe ich im Buch „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ von Richard David Precht gelernt: Schuld wiegt Schuld nicht auf. Mit anderen Worten: Man kann Schuld, Mord, Tod, nicht gegeneinander aufrechnen. Drei Unschuldige Tote und drei schuldige Tote ergeben nicht null.

Wieso Staaten neben vielen sinnvollen auch sinnlose Vorgehensweisen an den Tag legen, erscheint dem kleinen Mann von der Straße schleierhaft. In Japan ist das Paradebeispiel der Walfang. Aber letztendlich geht es weder um Moral und Abschreckung auf der einen oder Walbestände und Wissenschaft auf der anderen Seite, sondern um Geld und Ruhm. Politiker, die nach Macht streben, benutzen natürlich alle Instrumente, die sich ihnen bieten. Solange man ihnen also nicht auf die Finger haut, werden weiter Menschen gehenkt und Wale zerstückelt. Ergo gibt es nur eine probate Waffe gegen die Todesstrafe in Japan: den Wahlzettel.

Kalifornien, deine Kinder

Oktober 10th, 2011 Posted by Politik No Comment yet

Edmund Gerald „Jerry“ Brown, Jr. ist ein bemerkenswerter Mann. Nicht, weil er der bis dato jüngste Gouverneur Kaliforniens war, sondern mit seiner zweiten Amtszeit auch der älteste Gouverneur Kaliforniens ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der ja für republikanische Verhältnisse durchaus respektable Ziele verfolgte, raucht er aber nicht nur den ganzen Tag und schwängert irgendwelche Hausangestellten (wie herrlich polemisch ich doch sein kann). Nein, er hat ein wichtiges Gesetz verabschiedet. Der typisch US-amerikanische Name: „Dream Act“.

Demnach werden Kinder illegaler Einwanderer unter bestimmten Bedingungen (die in diesem Artikel nicht genannt werden) mit staatlichen Mitteln gefördert, wenn sie an die Uni wollen. Der texanische Gouverneur Rick Perry (Republikaner) hat ähnliches vor und vergrätzt damit momentan die Ultrarechten in seiner Partei. Aber die haben von Grenzproblemen und Mexiko und dem ganzen Kladderadatsch keine Ahnung, also klammern wir sie mal stumpf aus.

Meine Meinung dazu: Ich bin zwar nicht unbedingt der treueste Freund davon, an der Spitze des Eisbergs herumzukraxeln, während unten die Bombe tickt. Trotzdem finde ich es einfach nur richtig, Potenziale zu fördern, anstatt sie zu ignorieren. Jerry Brown hatte sicherlich nicht einfach nur soziale Interessen im Kopf, als er sich gemeinsam mit seinen Mitarbeitern das Gesetz erdachte. Mit dem Dream Act werden gleich mehrere Probleme gelöst oder zumindest abgemildert:

1.) Ohne Einwanderer wäre die USA ein ziemlich leeres Fleckchen Erde. Sie zu fördern ist eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Besiedlung.

2.) Nutzung der Potenziale, wie bereits oben angerissen.

3.) Rechtzeitige Vermeidung einer Parallelgesellschaft. Mit einer Ausgrenzungspolitik schaffe ich Probleme, wie ich sie hier in Deutschland mit den türkischen Einwanderern geschaffen habe.

4.) Hilfe zur Selbsthilfe. Der Staat schafft stabilere Strukturen unter den zugewanderten Familien, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann selbst Arbeitsplätze schaffen (und nicht wegnehmen, wie Gegner des Gesetzes behaupten) und folgt damit auch wirtschaftlichen Interessen.

Apropos Gegner. Diese weisen auf die Gefahr hin, mit dem Gesetz würde man illegale Einwanderer motivieren, nach Kalifornien zu kommen. Haben sich diese Menschen einmal die Zustände auf den mexikanischen Bahnhöfen oder an den Grenzen angesehen? Die Einwanderer riskieren bereits Kopf und Kragen, im Staat Kalifornien leben 35,9 Prozent Hispanics, ein Viertel aller Kalifornier stammt aus Mexiko (Quelle). Sie fallen von Zügen, verrecken in der Wüste, lassen ihre Familien zurück. Eine Uni-Förderung ist ja schön und gut, aber ich denke nicht, dass auch nur ein einziger Mensch deswegen extra in die USA aufbricht.

Aus den Staaten hören wir immer nur über Abschottungen und Ausgrenzungen. Insofern nehme ich die aktuelle Nachricht wohlwollend zur Kenntnis und bin gespannt, wie sich das Ganze in den nächsten 30 Jahren entwickeln wird. 2041 werde ich dann ein Fazit bloggen, bis dahin empfehle ich, täglich hier vorbeizuschauen.

Strauss-Kahn

Mai 17th, 2011 Posted by Politik No Comment yet

Das Problem an der amerikanischen Justiz ist, dass sie einen Menschen gnadenlos vor aller Augen vernichten. Ohne Urteil, ohne Beweise, ohne Grund.

Geld stinkt nicht

März 15th, 2011 Posted by Politik No Comment yet

Eigentlich weiß jeder, was Sache ist: Rüstungskonzerne liefern an Rebellengruppen, Terroristen, Diktatoren und Drogenkartelle. Natürlich nicht direkt, besonders nicht, wenn diese Unternehmen in Deutschland ansässig sind. Aber über Umwege stellt es kein Problem dar, Mexikanische Drogenbanden mit Heckler-&-Koch-Waffen auszustatten. Es geht um Milliarden. Und um Millionen Tote. Möchte zu gerne wissen, wie man als Mitarbeiter bei einem Rüstungskonzern nachts noch ruhig schlafen kann.

Hier ein lesenswerter Artikel bei Zeit Online.

Kristallisierter Unsinn

September 10th, 2010 Posted by Allgemein, Politik 2 comments

Um mal eines vorweg klarzustellen: Niemand wird dumm. Weder die Menschheit, noch unsere Gesellschaft, noch die Migranten hierzulande. Vor einigen Jahrhunderten wollte das Volk solche Verrückten wie Galileo Galilei erhängen (oder köpfen?), heutzutage könnte sich nur eine Minderheit für solch einen Vorschlag begeistern. Das Problem ist, dass die meisten von uns unsere Bildung für eine selbst vollbrachte Leistung halten – wahrscheinlich, weil wir uns noch an das anstrengende Lernen erinnern. Allerdings sammeln wir ja in wenigen Jahren respektive Jahrzehnten lediglich tausende Erkenntnisse tausender Köpfe aus tausenden von Jahren auf. Geleistet haben die meisten von uns soweit überhaupt nichts.

Den Großteil unserer Eindrücke gewinnen wir durch die Massenmedien, die tagtäglich um uns herumschwirren und uns mit Belanglosigkeiten bombardieren (die uns nebenbei bemerkt im Alltag nicht weiterhelfen). Kommen wir also zu dem armen Irren in Florida, der morgen ein paar Koran-Ausgaben verbrennen möchte. Abgesehen davon, dass ich als Anstifter hinter der ganzen Geschichte BP vermute, die nun damit höchst erfolgreich von ihrem totalen Bohrloch-Desaster ablenken, habe ich mir Gedanken über das Motiv gemacht. Als bekannt wurde, dass in Bagdad und in Guantánamo US-Soldaten auf Koran-Ausgaben gepinkelt haben, wurden ein paar zig Menschen in die Luft gesprengt. Wo liegt der Irrsinn? Dass man auf Koran-Ausgaben pinkelt? Oder dass man Leute in die Luft sprengt?

Die Antwort lautet: an beiden Stellen. Für uns mag es übertrieben klingen, in Afghanistan Raketen auf US-Konvois abzufeuern, weil in Guantánamo John Sowieso auf eine Koran-Ausgabe gepinkelt hat. Und klar, es ist übertrieben, ein Wahnsinn, total dämlich, im Jenseits wartet nicht mal eine einzige Jungfrau, Jungfrauen warten nicht auf stinkende, wahnsinnige Terroristen, die mit verstörend irrem Blick über heilige Kriege brabbeln. Allerdings ist es auch nicht besonders clever, den Koran zu verunglimpfen. Für uns aufgeklärte Menschen mag es scheißegal sein, ob ein Koran oder eine Bibel in Flammen aufgeht (wobei das Bild brennender Bücher ein flaues Gefühl in uns hervorrufen sollte!), denn leider gibt es keinen Gott und keine Propheten und DIE Wahrheit, aber den Gläubigen dieser Welt, die keinen anderen Halt im Leben haben, sollte man den Glauben lassen. Ja. Wir haben weder die Aufgabe noch die Pflicht, jeden schlafenden Geist zu wecken und jeder Person die Evolution nahe zu bringen. Wir müssen auch nicht die Kinder der USA davor bewahren, dass ihnen der Kreationisten-Bullshit ins Hirn geballert wird. Wer in Unwissenheit versinken möchte, sollte auch alle Möglichkeiten dazu bekommen; wie trist wäre eine Welt voller aufgeklärter Superhirne?

Der Lauf der Geschichte zeigt uns doch, dass jede Bewegung bald eine Gegenbewegung hervorruft. Die letzten Jahre waren liberal, nun darf wieder auf uns Migranten herumgehackt werden. Die Klugen (also alle, die die Bild nicht für eine seriöse Zeitung halten) ändern ja jetzt nicht ihre Überzeugungen, die werden weiterhin auf unserer Seite stehen. Dass die Masse immer von A nach B (sprich von der NPD zur Linken und wieder zurück) schwappt ist weder zu vermeiden noch vermeidenswert. Es gilt einzig, die Schwingungen, Schwankungen und Ausschläge erträglich zu halten, heißt, diesem Pastor eins auf die Mütze zu geben und den Terroristen die Waffen wegzunehmen. Denn solange keine Unbeteiligten dabei draufgehen, dürfen die Dummen so dumm sein wie es nur irgend möglich ist.

Soll ich spenden, und wenn ja, wem?

August 23rd, 2010 Posted by Allgemein, Politik 1 comment

Frei nach Richard David Precht, sozusagen, habe ich es mir einmal erlaubt, eine recht verbreitete Frage umzuformulieren. Viele Menschen, vielleicht auch Sie, stellen sich eben die Frage: Wem soll ich mein Spendengeld anvertrauen? Bringt spenden überhaupt etwas? Auch ich habe mir diese Fragen gestellt, und sie sind leider nicht eindeutig zu beantworten.

Zunächst einmal widme ich mich der Frage, ob man überhaupt spenden sollte. Seien wir mal ehrlich, viele von uns leben im Überfluss. Im Restaurant bestellen wir mehr als wir essen können, wir kaufen Klamotten, weil wir »das in der Farbe noch nicht haben«. Wir nehmen uns ein Taxi, um zehn Minuten Zeit zu sparen und werfen Pfandflaschen in den Müll. Nicht jeder macht alles, aber fast alle machen vieles davon. Klar verdiene ich mir mein Geld mit meinen eigenen Händen, aber das ist nur möglich durch den unglaublichen Zufall, dass ich in Deutschland geboren wurde und nicht in Äthiopien. Ich habe weder die Straßen gepflastert, auf denen ich mich bewege, noch die Schulen gebaut, in die ich gegangen bin. Wer hier also mit dem Argument kommt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dem kann ich nur entgegnen: Sie haben leider nicht den blassesten Schimmer von der Realität.

Heute las ich auf Zeit Online einen Kommentar zum Thema Spenden und Katastrophenhilfe. Unter anderem steht da:

»Was wir brauchen, ist ein tragfähiges globales Hilfsnetzwerk. Dieses Netzwerk muss auf der Zusammenarbeit von multilateralen, bilateralen, regionalen und nationalen Einrichtungen und Initiativen beruhen. Es muss gut analysieren und mit politischem Gespür schnell reagieren. Wenn die Grundlagen der Entwicklung eines Landes durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört worden sind, kann adäquate humanitäre Hilfe den Grundstein für raschen Wiederaufbau legen und dazu beitragen, dass die Krise nicht zu politischen Zwecken ausgenutzt wird.«

(Quelle: zeit.de, 23.08.2010)

Ehrlich gesagt sträuben sich mir bei solchen Zeilen die Nackenhaare. Abgesehen davon, dass auch ein globales Netzwerk das politische Ausnutzen von Katastrophen niemals verhindern könnte, würde man mit einem solchen humanitären Auffangsystem den Politikern dieser Welt einen Freifahrschein zum Versagen ausstellen. Nichts anderes geschieht doch tagtäglich, nur dass die Hilfsorganisationen überall in der Welt das Versagen der Politik auffangen. Ein übergeordnet installiertes System hätte den Charakter eines Super-Airbags, und wir wissen ja, dass ein Fahrer riskanter fährt, je mehr Sicherheitssysteme in seinem Fahrzeug stecken.

Wenn wir uns also das Blaue vom Himmel herunterwünschen könnten, dann würde ich mir mehr Manpower und mehr Hirnmasse wünschen. Spendengelder allein helfen nicht hundertprozentig, da gebe ich dem Artikel Recht – auch wenn ich betonen möchte, dass sie vieles erst ermöglichen. Mehr Manpower bedeutet für mich, sich selbst zu engagieren. Nicht jeder kann es sich erlauben, aber viele. Und mit mehr Hirnmasse meine ich zweierlei: Erstens kann sich jeder Gedanken drüber machen, was er zu einem besseren Leben eines anderen Menschen beitragen kann, im Großen (Katastrophen, global) wie im Kleinen (Alltag, Mitmenschen). Zweitens die Abschaffung irrsinniger Bürokratie, die Organisationen daran hindern, schnell zu helfen. In Haiti hat gerade erst der Zoll Organisationen wie der Kindernothilfe wahnsinnig dumme Probleme bereitet. Vor einiger Zeit wollte eine Gruppe von Banditen als Hilfsgüter getarnte Schmuggelware durch den Zoll schleusen. Deshalb fanden die dummen Zöllner (ich hatte es ja auch mal mit welchen zu tun), dass es eine gute Idee wäre, Maschinen wie Bagger (!) für den Wiederaufbau am Zoll festzuhalten. Könnte ja Schmuggelware sein, so ein Bagger von der Kindernothilfe. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein.

Kommen wir nun zur ursprünglichen Frage zurück: Wer soll mein Geld bekommen? Jeder hat so seine Prioritätenliste. Es gibt Leute, die Tiere über alles lieben und deshalb für Organisationen wie WWF oder Peta (für die ich ebenfalls mal als Texter gearbeitet habe) spenden. Dann gibt es Menschen, die irgendein Land bereist und einen Bezug dorthin hergestellt haben. Die spenden dann für die Äthiopienhilfe, für ein Kinderhilfsprojekt in Rumänien oder für Straßenkinder in Brasilien. So könnte man es ewig weitertreiben, allerdings gibt es viele Menschen, die können sich einfach nicht entscheiden. Und da komme nun ich ins Spiel, denn ich stand vor einigen Jahren genau vor diesem Problem. Zunächst einmal muss man sich eingestehen: Man kann nicht allen gleichermaßen helfen. Nicht einmal der reichste Mensch der Welt kann das, und frecherweise nehme ich einfach mal an, dass Sie sich jetzt nicht angesprochen fühlen.

Also muss man sich überlegen: Welche Argumente sprechen für die Organisationen? Wo liegen meine höchsten Prioritäten? Was macht in meinen Augen am meisten Sinn? Einfaches Beispiel: Ich bin der Meinung, dass eine bessere Welt nur durch aufgeklärte, gebildete Menschen entstehen kann. Ungebildete Menschen können sich und andere nicht ernähren, verhüten nicht, kümmern sich nicht um die Umwelt und lösen Konflikte mit Waffen. Daher lege ich meinen Schwerpunkt auf Bildungsprojekte. Damit finanziere ich nicht nur einige Schulbücher und Lehrer, sondern im Idealfall eine positive Kettenreaktion. Vielleicht trage ich am Ende mit einem recht geringen Betrag dazu bei, dass jemand ein hervorragender Bauer wird und hundert Menschen ernährt.

Vielleicht bin ich ja etwas naiv, aber wir sitzen mit unseren verdammten Ärschen im selben Boot namens Erde, und das Boot ist bereits ziemlich im Arsch. Überall sickert es in den Rumpf, und der Motor ist auch nur noch am Qualmen wie Rudi Assauer. Natürlich könnten wir warten, bis der Kahn absäuft, aber ganz ehrlich: Da hab ich keen Bock drauf.